Politik : Wechselfälle des Lebens

Als erster Anbieter präsentiert die DKV ein Modell für Wahlfreiheit zwischen privaten Krankenversicherungen

Rainer Woratschka

Ihre gesetzliche Konkurrenz nennen die privaten Krankenversicherer gerne ein „Zwangssystem“. Doch in Sachen Wettbewerb machen sie selber eine ausgesprochen schlechte Figur. Der Grund: Sobald ihre Kunden älter als 40 sind und womöglich auch noch chronisch krank, ist es aus mit der viel gepriesenen Wahlfreiheit. Auf Gedeih und Verderb sind sie fortan ihrem Versicherer ausgeliefert. Risikoprüfungen und verfallende Altersrückstellungen machen den Wechsel zu einem anderen Anbieter faktisch unmöglich, die Kosten wären viel zu hoch.

Das Problem benennt inzwischen nicht nur die Gesundheitsministerin. Auch mancher Vorstandschef spricht ganz offen von einem auf Dauer nicht haltbaren „Manko“. Bloß bei den Lösungsansätzen herrschte bislang Ratlosigkeit. Als erster Versicherer hat nun der Branchenführer DKV ein detailliertes Modell für einen „freien Wechsel in der PKV“ entwickelt, das dem Tagesspiegel vorliegt.

Der Kerngedanke: Der Versicherungsschutz wird aufgespaltet in einen Grund- und einen „Topschutz“. Beim Topschutz (mit Chefarztbehandlung, Einbettzimmer etc.) bliebe alles beim Alten, wer wechselt, bekäme Alter und Gesundheitsrisiko in Rechnung gestellt. Beim Wechsel des Grundschutzes hingegen, der etwa den Leistungen der gesetzlichen Kassen entsprechen könnte, soll es laut DKV keine Gesundheitsprüfung mehr geben. Außerdem würde sich die Beitragshöhe nicht mehr am Wechselalter, sondern am jeweiligen Eintrittsalter beim ersten Versicherer bemessen. Ein Wechsel wäre also auch noch im fortgeschrittenen Alter erschwinglich.

„Der Wechsler nähme seine erworbenen Rechte mit“, sagt DKV-Sprecher Frank Neuhaus. Den Versicherten hingegen die kompletten Rückstellungen fürs Alter mitzugeben, wie von Ministerin Ulla Schmidt vorgeschlagen, funktioniere nicht. Schließlich seien die Rücklagen „im Kollektiv und nicht individuell kalkuliert“. Ihre Mitnahme könnte die verbliebene Versichertengemeinschaft schädigen, argumentiert Neuhaus.

Auch den Gesundheitscheck beim Ersteintritt in eine Privatversicherung möchte die DKV nicht aufgeben. Die vereinbarten Zuschläge oder Leistungsausschlüsse müssten dem neuen Versicherer bei einem Wechsel aber ebenso mitgeteilt werden wie das ursprüngliche Eintrittsalter des Versicherten.

Da dann nur noch der Wechsel des so genannten Topschutzes richtig teuer käme, sieht das DKV-Modell auch die Möglichkeit vor, die Versicherung zu splitten. Also: für den Grundschutz ein neuer Versicherer, für den Topschutz der bisherige. Ähnliches funktioniere bereits zwischen gesetzlichen Kassen und privaten Zusatzanbietern, sagt Neuhaus. Doch auch der Grundschutz kann eine teure Sache werden. Damit kein Versicherer die Wechselgelüste seiner alten und kranken Klientel über Gebühr befördert und keiner zu viele Risiken bekommt, sieht das DKV-Modell einen Pool-Ausgleich vor. Versicherer mit geringeren „Schadensausgaben“ müssten den anderen unter die Arme greifen. Um Wettbewerbsanreize zu erhalten, blieben bei diesem Ausgleich aber Einnahmeprobleme und Verwaltungskosten ausgeklammert.

Poollösungen seien unter Privatversicherern nicht ungewöhnlich, sagt Neuhaus. Bei Rückversicherungen seien sie üblich, es gebe sie aber auch in der Pflegeversicherung. Das Problem: Versicherer haben dann womöglich kaum mehr Interesse an teurem Leistungsmanagement. Um etwa den Anreiz für aufwändige Vorsorgeprogramme zu erhalten, müssten sie deshalb laut DKV-Modell ein gewisses Schadensdefizit alleine verkraften.

Wie hoch dieser Selbstbehalt sein darf, darüber können sich die Versicherer in nächster Zeit ebenso streiten wie über die Leistungspalette des Grundschutzes. Damit nicht auch der Topschutz ständig nachgebessert werden muss, hätte die DKV die Grundschutzleistungen am liebsten gesetzlich festgeschrieben. Laut Neuhaus hätte dies vielleicht auch einen Nebeneffekt. „Ein fest definierter Grundschutz bei den Privaten könnte verhindern, dass die Gesetzlichen ihre Leistungen ständig weiter herunterschrauben.“

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