Politik : Weihbischof Reinhard Marx warnt: Die Kultur des Feierns ist in Gefahr (Interview)

Sollten Kaufhäuser in Stadtzentren künft

Reinhard Marx (45) zählt als Weihbischof der Erzdiözese Paderborn zu den Nachwuchshoffnungen im deutschen Episkopat. Der Professor für Christliche Gesellschaftslehre ist selbst bei den Grünen geschätzt als "ein Schwarzer, mit dem man gut diskutieren kann". Mit Marx sprach Martin Gehlen.



Sollten Kaufhäuser in Stadtzentren künftig am Sonntag öffnen können?



Wir sind als Kirche grundsätzlich gegen jede Aushöhlung des Sonntags. Mit Ausnahmeregelungen beispielsweise beim Arbeitszeitgesetz haben wir schlechte Erfahrungen gemacht. Denn diese werden, wenn sie erst einmal in Kraft gesetzt sind, mit der Zeit immer weiter ausgedehnt. Ich sehe in einem verkaufsoffenen Sonntag keinen kulturellen Gewinn. Warum können wir uns in Deutschland nicht einen Tag in der Woche leisten, wo wir Zurückhaltung üben im Alltagsgeschäft?



Erwarten Sie durch die Aktionen in Berlin, Dessau und Halle einen Dammbruch beim Ladenschluss?



Der Trend geht sicher in diese Richtung, auch weil die öffentliche Zustimmung groß ist. Insofern befürchte ich, dass am Ende die Kirchen die letzten sein werden, die noch für einen freien Sonntag kämpfen. Und trotzdem: Ich sehe in der Liberalisierung des Sonntagsverkaufes langfristig für die Gesellschaft eher einen Verlust als einen Gewinn.



Worin besteht der Verlust?



Der Verlust ist, dass wir in eine noch individualistischere Kultur hineingehen. Ich habe nichts gegen einen guten Individualismus, ich habe nichts gegen Selbstverwirklichung und möglichst große Freiheiten. Aber warum soll es nicht gemeinsame gesellschaftliche Zeiten geben, an die man sich hält, gemeinsame Feste, gemeinsame Feiertage. Die aber müssen ein besonderes Charakteristikum haben. Man kann nicht alle Tage gleich behandeln. Sonst geht eine Kultur des Feierns, der Feste, der Ferien und der besonderen kollektiven Gedächtnistage kaputt. Eine Gesellschaft besteht ja nicht nur aus Individuen, die nebeneinander ihren Bedürfnissen nachgehen, sondern aus einer gemeinsamen Kultur. Es ist eben nicht egal, ob ich Weihnachten an Weihnachten feiere oder einen Tag später, ob ich den Sonntag feiere oder den Dienstag oder Mittwoch.



Das Ladenschlussgesetz soll ungeachtet der momentanen Ereignisse im Herbst reformiert werden. Wie sollten die Mindeststandards aussehen?



Es muss keineswegs alles bleiben wie es ist. Der Kirche geht es darum, dass ein gewisser gemeinsamer Wochenrhythmus erhalten bleibt. Was die Arbeitszeiten an Werktagen oder an Samstagen angeht, sind wir offen für neue Wege. Das sollte im gesellschaftlichen Konsens geklärt werden. Und Neureglungen sollten zukunftsträchtig sein und nicht zu rigoros ausfallen. Der Sonntag jedoch, der muss aus unserer Sicht als gemeinsamer Feiertag erhalten bleiben.

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