Weihnachten 2015 : Was uns zusammenhält

Zu Weihnachten werden viele zu Reisenden, die nur ein Ziel haben: Im Kreise der eigenen Familie zusammen zu sein. Ein Kommentar.

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Das Weihnachtsfest lässt viele Menschen zu Reisenden werden, die mit ihrer Familie zusammen feiern wollen.
Das Weihnachtsfest lässt viele Menschen zu Reisenden werden, die mit ihrer Familie zusammen feiern wollen.Foto: dpa

Wegen einer Volkszählung muss heute niemand mehr in die Stadt der eigenen Geburt reisen, wie es nach der christlichen Überlieferung Joseph und seine Maria vor mehr als 2000 Jahren auf sich zu nehmen hatten. Einen Termin auf dem Bürgeramt würden die zwei in Berlin ohnedies so schnell nicht bekommen. Dennoch ist die Erinnerung an die Geschichte von der Geburt des Kindes der beiden, die Begründung der geweihten Nacht, von so gewaltiger Kraft, dass sie auf der ganzen Welt Menschen dieses Glaubens um den 24. Dezember herum zu Reisenden werden lässt.

Zu Reisenden, die nur ein Ziel haben: Im Kreis der eigenen Familie zusammen zu sein, sich wenigstens einmal im Jahr zu begegnen. Und auch wenn die Ratgeber gerade jetzt Hochkonjunktur haben, die uns hilfreich erklären wollen, wie wir dem Psychostress der Ballung von Onkeln, Tanten, Großeltern und anderen Anverwandten entgehen: Wir tun es wieder und wieder, machen uns zu Weihnachten auf die Reise.

Anders als noch vor 100 Jahren leben Angehörige heute meist nicht mehr nahe zusammen, müssen nicht mehr, wie unsere Großeltern in der Regel, lediglich in die Nachbarstadt, ins nächste Dorf fahren, um alle zu treffen. Das vergangene Jahrhundert der Kriege und Vertreibungen hat die Menschen in diesem Land mehr als in jedem anderen auf dem Kontinent zu einem Volk der erst Heimatlosen, dann der Heimatsuchenden gemacht.

Auf der Suche nach Heimat

Es liegt gerade einmal 70 Jahre zurück, dass als Folge des verlorenen Krieges 14 Millionen Deutsche einen neuen festen Ort in ihrem Leben finden mussten. Und für die wenigen jüdischen Mitbürger, die der Ermordung durch den Naziterror entgingen, war ein Weiterleben hier kaum vorstellbar. Gerade weil die Deutschen, gleich welcher Religion, die Erinnerung an Tod, Flucht und Entrechtung von Generation zu Generation in den Genen oder im kollektiven Unterbewusstsein weitertragen, haben sie jetzt ihrer Wurzeln beraubte Menschen aus einem anderen Kulturkreis willkommen heißen können und wollen – Markus Dröge, der evangelische Bischof, schreibt darüber im Tagesspiegel.

Dass uns Deutschen die Integration von Menschen auf der Suche nach Heimat vor 70 Jahren so leicht gelungen sei, weil es sich damals eben um Landsleute und nicht um Fremde gehandelt habe, ist übrigens nichts als ein schönes Märchen, verklärte Realität. Neid, Missgunst und Angst um den eigenen kleinen Wohlstand waren in den späten vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts verbreitete Gefühle, die den Deutschen aus Ostpreußen, Schlesien und dem Sudetenland im Süden und Westen, den amerikanischen, britischen und französischen Besatzungszonen Deutschlands entgegenschlugen, da also, wo sie als Flüchtlinge im eigenen Land angesiedelt wurden.

Abneigung, Abschottung waren gang und gäbe. Nur gab es damals keine AfD und keine Pegidabewegung, die es gewagt hätten, mit Ressentiments auch noch Politik zu machen. Bundespräsident Johannes Rau hat im Jahr 2000 an diese Zeit erinnert, in der „Deutsche nach Deutschland kamen“, ohne willkommen zu sein.

So schließt sich der Bogen zum Weihnachtsfest, das für alle, ob gläubig oder nicht, so etwas wie ein sicherer Hafen wird, in dessen Schutz Menschen am Reiseziel Ruhe finden können. Es ist, je nachdem, das Gefühl des Zusammenhalts – oder des Zusammen-gehalten-Werdens.

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