Politik : Weihnachten und das Geld

Von Harald Martenstein

-

Letzte Woche stand an dieser Stelle ein Text, der sich gegen das „Armutsgejammer“ richtete. These: Menschen mit Hartz-IV-Einkommen sind in einem Land wie Deutschland in keiner beneidenswerten Lage, aber „arm“ ist für sie nicht das richtige Wort. Daraufhin bekam ich eine wütende Mail einer Freiberuflerin, die 15 000 Euro brutto im Jahr verdient, sich selber „arm“ nennt, mich aber „zynisch“ und „mitleidlos“. Schlüsselsatz: „Ich stehe Todesängste aus, wenn mich jemand zum Essen einlädt und ich vorher nicht ganz sicher bin, ob er auch wirklich alles bezahlt.“ Ja, das ist sicher unangenehm, wenn man mit solchen Gefühlen im „Einstein“ oder „Borchardt“ über seinem Latte macchiato sitzt, aber seien Sie mir nicht böse, mein Vorrat an Mitleid ist begrenzt und ich finde, mein Mitleid ist bei Leuten in echter Todesgefahr besser aufgehoben – bemerken Sie eigentlich nicht ihren eigenen Zynismus?

Erstaunlich, wie großzügig wir alle zu uns selber sind und wie streng zu anderen. Fast nie fragen wir uns nach unseren eigenen Fehlern. Man will frei sein, man pfeift auf die geduckte Angestelltenexistenz, man ist sich vielleicht zu gut für diesen oder jenen Popelkunden mit seinen Popelaufträgen, man trifft ein paar falsche Entscheidungen und behandelt ein paar Leute falsch, und am Ende, mit 15 000 brutto, wovon man übrigens passabel leben kann, wie ich aus Erfahrung weiß, sagt man nicht etwa: „Ich habe Fehler gemacht. Ich muss die Sache anders aufziehen.“ Oder: „Ich verdiene wenig, aber bin immerhin frei, wie ich es wollte.“ Nein, man sagt: „Die Gesellschaft ist schuld. Vor allem dieser verdammte Martenstein.“

Eine Mutter erzählte, dass bei ihren Kindergeburtstagen manche Kinder nicht kommen, weil sie kein Geld für ein Geschenk haben und sich schämen. Sie könnten natürlich etwas basteln, ein Bild malen. Auf diese Idee kommt offenbar niemand mehr. Man kann ohne Geld auch ins Museum, an bestimmten Tagen, Bibliotheken und manches andere ist für Leute mit wenig Geld kostenlos, aber dazu müsste man sich informieren. Ich weise hier keine Schuld zu, ich fälle keine pauschalen Urteile. Nicht jeder, der wenig Geld verdient, hat etwas falsch gemacht. Jeder Mensch und jeder Fall ist anders. Ich sage nur eins: Nicht immer sind an restlos allem immer nur die anderen schuld. Und ob man sich an Weihnachten einsam fühlt oder nicht, hängt zum Glück am allerwenigsten am Geld.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben