Politik : Weil sie Juden sind

In Europa ist antisemitischer Terror Alltag

Frank Jansen

Wer malt sich aus, wie es wäre, wenn sich permanent Pöbeleien und Geschmiere gegen Christen richten würden? Der Besuch einer Kirche erst nach der Kontrolle durch schwer bewaffnete Polizisten möglich wäre? Der Gläubige das Kettchen mit dem Kreuz besser zu Hause lässt, da Fremde aggressiv auf das religiöse Symbol reagieren könnten? Wohl kaum jemand, denn in Europa schwelt kein antichristlicher Terror, sondern ein antisemitischer. Wie dem entgegengetreten werden kann – das diskutieren die Teilnehmer der Antisemitismus-Konferenz in Berlin. Wie notwendig das ist, und in welchem Maße jüdisches Leben eingeschüchtert und gewaltsam eingeengt wird, zeigen zahlreiche Vorfälle in derselben Stadt.

Ein Beispiel: Im Sommer 2002 eröffnet der jüdische Lebensmittelhändler Dieter Thamm im Stadtviertel Alt-Tegel ein Geschäft mit einem kleinen Imbiss. Er nennt es „Israel-Deli“ und hängt eine Fahne mit Davidstern über die Tür. Bald kommen junge Neonazis aus Brandenburg und grölen „Judensau“. Als die Pöbeleien nach mehreren Wochen enden, atmet Thamm auf. Doch die Ruhe ist nur von kurzer Dauer. Arabische Jugendliche tauchen auf, beschimpfen Gäste des Israel-Deli und spucken ins Essen. Die Scheibe wird eingeworfen, die Israel-Fahne abgerissen. Verängstigt bleiben viele Kunden weg. Die meisten Nachbarn verhalten sich passiv, die Polizei kann keine Täter ermitteln. Im Juni 2003 ist Thamm psychisch und finanziell am Ende. Er schließt sein Geschäft. Der Kaufmann, der als Kind in Berlin den Holocaust überlebt hat, entschließt sich, Deutschland in Richtung Israel zu verlassen.

Der Fall Thamm ist nicht außergewöhnlich. Ebenfalls in Berlin, im Jahr 2003, erhält der Rabbiner der Jüdischen Gemeinde, Chaim Rozwaski, einen Drohbrief mit den Worten: „Lüge wird Wahrheit – Holocaust II“ und einem Tütchen Asche. Auf dem Kurfürstendamm wird ein junger Amerikaner, an Kleidung und Schläfenlocken als Jude zu erkennen, von orientalisch aussehenden Männern geschlagen. Arabische Jugendliche misshandeln in einem U-Bahnhof einen weiteren Amerikaner – auch er trägt Schläfenlocken und orthodox-jüdische Kleidung. In einem Bus treten junge Ausländer einem 56-jährigen Mann ins Gesicht, um seinen Hals hängt eine Kette mit Davidstern. Türkische Mädchen in einem anderen Bus attackieren eine 14-Jährige – sie trägt ebenfalls Halsschmuck mit einem Davidstern. Außerdem werden mehrere jüdische Mahnmale geschändet. So geht es weiter, Monat für Monat. In Berlin, in Deutschland, in Europa.

Ein einheitliches Gesamtbild gibt es nicht, da die Sicherheitsbehörden in Europa antisemitische Kriminalität mit unterschiedlicher Intensität erfassen. Klar ist nur: Im Westen des Kontinents stellen Rechtsextremisten und junge Muslime, oft auch ohne islamistische Motivation, das Gros der Täter. In Berlin sei es jeweils die Hälfte, sagt der Verfassungsschutz. Ein gemeinsames Handeln von Neonazis und arabischen oder türkischen Jugendlichen sehen Sicherheitsexperten jedoch nicht.

Bei der Leugnung des Holocaust gibt es indes punktuell Verbindungen zwischen Rechtsextremisten und Muslimen. So fand der Schweizer Revisionist Jürgen Graf in Teheran Zuflucht vor Strafverfolgung, der frühere NPD-Anwalt Horst Mahler wollte 2001 in Beirut an einer Konferenz von Holocaust-Leugnern teilnehmen und ein Referat zur „Endlösung der Judenfrage“ halten. Die libanesische Regierung verbot nach einigem Zögern die Konferenz. In Deutschland suchte Mahler Kontakt zu der inzwischen verbotenen islamistischen Gruppierung Hisb-ut- Tahrir (Partei der Befreiung), die Israel immer wieder massiv droht. Und von Schweden aus verbreitet der Marokkaner Ahmed Rami über sein „Radio Islam“ und im Internet zusammen mit Rechtsextremisten antisemitische und den Holocaust leugnende Propaganda. Der Hass nimmt kein Ende. Es gibt Berliner Jüdinnen, die tragen ihr Kettchen mit dem Davidstern trotzdem. Aber sicherheitshalber unter dem Pullover.

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