Politik : Weil wir es wert sind

Von Malte Lehming

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Kein Großverbrechen seit dem Zweiten Weltkrieg hat weltweit mehr Verwirrung verursacht als der Terror vom 11. September 2001. Fünf Jahre, zwei Kriege und einige Anschläge später – darunter die von Madrid und London – hat sich die Ratlosigkeit noch verstärkt. Durch Afghanistankrieg und viele Verhaftungen wurde Al Qaida zwar zerstreut, aber Osama bin Laden lebt und mit ihm der Wahn, der Islam werde von Demokratien und Ungläubigen bedroht. Die Zahl derer, die deswegen zu Terroristen werden, ist wahrscheinlich sogar gestiegen. Einige davon leben mitten unter uns. Die Anlässe, die sie letztlich zu Mördern werden lässt – ein falsches Wort über ihre Religion, Mohammed-Karikaturen in einer kleinen dänischen Zeitung, die Rhetorik eines Hasspredigers –, wirken nichtig im Vergleich zu den Taten.

Diese Diskrepanz erschreckt. Und nur ein Erklärungsnarrativ macht diesen Schrecken erträglich. Alarmisten und Spinner drängeln auf die Bühne der Interpreten. Eine Form des Faschismus sei das, der Beginn des Dritten Weltkrieges, tönen Vertreter der US-Regierung. Nein, diese selbst profitiere vom Antiterrorkampf und habe bei den Anschlägen die Finger im Spiel gehabt, mutmaßen die Verschwörungstheoretiker. Dann gibt es noch die Abwiegler („mit RAF und IRA sind wir auch fertig geworden“), die Idealisten („mehr Entwicklungshilfe zahlen“), die Patentrezeptler („das Nahostproblem lösen“) und die Einknicker („kein Werteimperialismus mehr“). Auch das gehört zur Bilanz des fünften Jahrestags: Je länger das Ereignis zurückliegt, desto absurder wird es gedeutet.

Nüchtern, wach, illusionslos: Nur so lässt sich die Bilanz vollenden. Die Kriege – erst Afghanistan, dann Irak – haben den islamistischen Terror kaum geschwächt. Und verheerend war die Wirkung all jener Skandale, die sich um Begriffe wie Abu Ghraib, Guantanamo, Folter, Geheimgefängnisse ranken. Im Zeitalter von CNN und Al Dschasira potenziert sich der Abscheu auf moralische Verfehlungen. Sie propagandistisch auszuschlachten, fiel den militanten Islamisten nicht schwer. Der Wettstreit der Ideen und Systeme muss wieder sauber und intelligent geführt werden.

Wirksamer als alle Kriege ist ohnehin die Arbeit von Polizei und Geheimdiensten. Die Trennung zwischen äußerer und innerer Sicherheit ist obsolet geworden. Zu wissen, was in einer Moschee in Pakistan geschieht, kann zur Verhinderung eines Anschlags ebenso wichtig sein wie die Kenntnis muslimischer Internetseiten. Während die Bundeswehr am Hindukusch gegen ein Wiedererstarken der Taliban kämpft, lernen unsere Verfassungsschützer Arabisch.

Und zuletzt: Die Spaltung des Westens, ausgelöst durch den Irakkrieg, muss endgültig überwunden werden. Nicht, weil „wir“ gegen „sie“ kämpfen, sondern weil die Terroristen nur dann eine Chance haben, wenn wir sie im Gefühl bestätigen, unser Wertesystem tatsächlich aushebeln zu können. USA und Europa eint mehr als die gemeinsame Bedrohung. Sie sollten klar erklären, zum Dialog mit dem Islam bereit zu sein. Verhandelbar aber sind nicht: die Demokratie, die Meinungs- und Religionsfreiheit, die Gleichberechtigung der Frau, die Sicherheit Israels – um nur ein paar Beispiele zu nennen. Ja, Osama bin Laden lebt, seine Ideologie findet weiter Anhänger, im Antiterrorkampf wurden gravierende Fehler gemacht. Aber wer deshalb bereits resigniert, gibt bloß sich selbst auf und leugnet die Wirklichkeit.

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