Politik : Weimarer Republik: Neue Republik mit alten Symbolen

Norbert Seitz

Die Masse wolle Symbole, keine echten Nachrichten, lautet die klassische Einschätzung des Soziologen Murray Edelman. Deshalb fand auch in den zwanziger Jahren ein wahrer Symbolkrieg zwischen Anhängern und Gegnern der ungeliebten Weimarer Republik statt. Der Bayreuther Historiker Bernd Buchner schildert die heftigen Auseinandersetzungen um Flaggen und Hymnen, Orte und Begängnisse. Im Mittelpunkt seiner Studie steht eine hilflos agierende Sozialdemokratie mit ihren Versuchen, für die neue Republik die alte Symbolik der gescheiterten 1848-er Revolution durchzusetzen. Beispiele hierfür waren falsche Flaggen-Kompromisse mit "Vernunftrepublikanern" und Erzmonarchisten oder die Adaption von Kampfmythen der offenen Republikfeinde.

Bereits die Festlegung des Ortes der Nationalversammlung sorgte für einen fundamentalen Streit. Der Geist der Weimarer Klassik sollte dem militaristischen Ungeist von Potsdam-Berlin entgegengesetzt werden. Doch Stresemann und seine Nationalliberalen suchten nach einer Verbindung des "Humanismus von Weimar" mit dem "Pflichtgefühl und der Vaterlandsliebe" von Potsdam, während die Kommunisten den Gang von Berlin nach Weimar als Flucht vor der besiegten Monarchie darstellten. Bis der sozialdemokratisch dominierte Frontkämpferbund "Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold" im "Alten Fritz" den Kompromissspender entdeckte, der den gemeinsamen Geist von Potsdam und Weimar symbolisieren sollte.

Beim Flaggenkompromiss musste die Mehrheit der Sozialdemokratie ebenfalls zurückstecken. Nach ihrem Vorschlag sollten es die Reichsfarben Schwarz-Rot-Gold sein, als Handelsflagge jedoch durfte Schwarz-Weiß-Rot mit "einer Gösch in Schwarz-Rot-Gold in der oberen inneren Ecke" fortexistieren. Mit dieser Zweiflaggenlösung verzichtete die Weimarer Republik nicht nur auf ein einheitliches identitätsstiftendes Symbol, sondern lieferte gleichsam das Gegensymbol ihrer stets drohenden Beseitigung verfassungsmäßig mit.

Auch bei der Wahl der Hymne, der dritten Strophe des Deutschlandliedes, bewiesen Friedrich Ebert und die Seinen keine glückliche Stimme. Denn die Ablehnung einer völkisch-nationalistischen Deutung der ersten Strophe und ihres "Deutschland-über-alles" konnte die Republikfeinde kaum mäßigen.

Politische Symbole seien gleichermaßen "Medien der Selbstbegegnung" wie "des Ausdruckswillens", schreibt Buchner. Seine faktenreiche Studie weicht freilich einer grundsätzlichen Kritik an der politischen Untauglichkeit eines hohlen Symbolismus aus. Schließlich steht Weimar für das jähe Scheitern des Versuchs, mit verordneten Symbolen fehlendes republikanisches Bewusstsein auszugleichen.

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