Weißrussland : Tod eines Regierungsgegners in Minsk bleibt mysteriös

Wenige Monate vor den Präsidentschaftswahlen ist der oppositionelle Internetjournalist Oleg Bebenin unter bisher ungeklärten Umständen ums Leben gekommen.

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Warschau - Die Nachricht war ein schwerer Schock für Weißrusslands Opposition: Wenige Monate vor den Präsidentschaftswahlen ist der oppositionelle Internetjournalist Oleg Bebenin unter bisher ungeklärten Umständen ums Leben gekommen. Die Opposition befürchtet einen politischen Mord des autoritären Regimes von Präsident Lukaschenko. Hunderte von weißrussischen Oppositionellen hatten am Montag in Minsk am Begräbnis des Journalisten teilgenommen. Der Mitbegründer und Chefredakteur des regierungskritischen Nachrichtenportals Charter97.org war am Freitagabend von Familienangehörigen erhängt in seiner Datscha nahe der Hauptstadt Minsk aufgefunden worden.

Nach Polizeiangaben hing Bebenin an einem selbst gemachten Seil im ersten Stockwerk. Im Zimmer seien ein Schemel sowie zwei Schnapsflaschen gefunden worden. Die Staatsanwaltschaft schließt eine Gewalttat aus und spricht von Selbstmord. Oppositionelle Internetforen sind dagegen voll von Anschuldigungen gegen den Geheimdienst KGB. Spätestens im Februar finden in Weißrussland Präsidentschaftswahlen statt, bei denen auch der „Charter97“-Mitbegründer Andrei Sannikow antreten will.

„Noch fehlt der gerichtsmedizinische Abschlussbericht, aber wir haben wenig Vertrauen in die Behörden unseres totalitären Staates“, gibt Ales Lachwinets, der Sprecher des oppositionellen Präsidentschaftskandidaten Alexander Milinkewitsch am Telefon zu Bedenken. Unter dem seit 1994 autokratisch regierenden Präsidenten Aleksander Lukaschenko sind in den neunziger Jahren eine Reihe von Oppositionellen verschwunden. Die Opposition wird seitdem bedrängt, mehrere Oppositionelle sind in Haft.

„An einen Selbstmord glaube ich nicht, das sollte nur so aussehen“, sagt die Journalistin Natalja Radina, die 14 Jahre lang eng mit Bebenin zusammengearbeitet hat. „Oleg war ein lebensfroher Mensch mit glücklichem Familienleben und voller Zukunftspläne.“ Dagegen zählt die Journalistin eine Reihe von Unstimmigkeiten in den Verlautbarungen der Staatsanwaltschaft auf. So wurden etwa verschiedene Todeszeiten genannt.

Radina sieht den Tod ihres Kollegen im Zusammenhang mit einer Durchsuchung der Redaktion vom März, bei der sie selbst zusammengeschlagen worden war. Die Spur führt aus ihrer Sicht zu Lukaschenkos Sicherheitsapparat. „Die Schließung unserer Webseite hätte internationalen Protest provoziert“, argumentiert Radina. Seit Anfang September wird das weißrussische Internet ähnlich wie in China gefiltert. Auch die Oppositionszeitung „Nascha Niwa“ geht von einem Mord aus; dahinter würden Mitglieder der einstigen Todesschwadron Lukaschenkos stehen oder aber der Geheimdienst eines Nachbarlandes –gemeint ist Russland, das Weißrussland destabilisieren wolle, spekuliert die Zeitung. Paul Flückiger

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