Politik : Weiter, immer weiter

Wir überqueren hohe Berge, stürzen aus Wolken. Wer kann, bricht jetzt in die Fremde auf. Doch Grenzen sind nicht mehr, was sie einmal waren. Mit einer Exkursion ins deutsch-europäische Niemandsland starten wir unsere Sommerserie.

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Hier irgendwo. Der Verlauf von Hoheitsgrenzen ist in Europa oft gar nicht mehr sichtbar. Manchmal deutet es ein alter Grenzstein an wie bei Zobel in Sachsen. Foto: Visum
Hier irgendwo. Der Verlauf von Hoheitsgrenzen ist in Europa oft gar nicht mehr sichtbar. Manchmal deutet es ein alter Grenzstein...Foto: Alfred Buellesbach / VISUM

Von Vaals nach Kerkrade ist der Fußweg leicht zu finden. Eigentlich. Vaals, im Dreiländereck zwischen Belgien, Deutschland und den Niederlanden gelegen, ist das L’Alpe d’Huez der Niederlande, der Vaalsberg erhebt sich 300 Meter hoch in den Himmel. Man windet sich also höher als nirgends sonst im Land hinauf. Und danach immer geradeaus, bis Kerkrade. Eigentlich.

Es ist nur so, dass der Weg ein Fahrradweg ist, und der führt entlang der Landstraße. Rechts geht es einen schmalen Waldweg zu einem alten Gemäuer hoch, sehr schön, nur dass er aus den Niederlanden heraus lenkt. Dann wieder hinein. Und wieder raus, der Grenzgänger wird zum Grenzwechsler, am Ende wird die Unentschlossenheit 37 Kilometer ausgemacht haben, zu häufiges über die Grenze hinausgehen erschöpft.

Wer weiß schon, wer uns die Grenze verschafft hat? Die Polen waren es, „graniza, graeniza, greniz“. Das ist aus dem Altpolnischen und hat sich verbreitet in unseren Sprachgebrauch im 12. Jahrhundert. Davor war ein anderes Wort gebräuchlich, ein fränkisches, wäre es heute noch en vogue, würden wir vom Markgänger reden, wenn wir den Grenzgänger meinen.

Grenze also, der Punkt, die Linie, an der ein Staat, ein Land, manchmal auch ein Volk übergeht in ein anderes. Wir kennen die Grenze adjektivisch, benutzen sie, wenn wir „grenzwertig“ sagen, negieren und verlachen sie, wenn wir „grenzüberschreitend“ unterwegs sind, und wenn wir das in extremer Form tun, sei es beim Überqueren hoher Berge oder beim Sturz aus den Wolken oder eben zwischen Vaals und Kerkrade, kommt das manch einem grenzdebil vor. Noch so ein Wort.

Zwei Monate ist der Wanderer nun unterwegs, immer im grenznahen Bereich, von Swinemünde in Polen nach Swinemünde in Polen, Deutschland von außen, im Uhrzeigersinn einmal umrundet. Die Hälfte per Bus und Bahn, den Rest zu Fuß. Grenzdebil. Aber nun ist es fast geschafft, eine Etappe noch dann ist Aus! Aus! Aus!

Grenzen also. Wir setzten und ziehen Grenzen, und wenn wir sagen „bis hierhin und nicht weiter“, dann wird auch eine Linie markiert, die nicht überschritten werden darf. Manch einer tut auch ein klein wenig gebildet und sagt zu einer Verletzung der Grenzmarkierung, dass „der Rubikon nun überschritten ist“. Aber das ist eine andere Geschichte, die mit der der Grenze nur insofern zu tun hat, dass es Benehmen und Verhalten gibt, die weit jenseits der Grenzen des guten Geschmacks liegen.

Die Grenze ist, und das klingt wie ein Widerspruch in sich, ein weites Feld. Derzeit hat die Bundesrepublik Deutschland etwa 3400 Kilometer Außengrenze, wollen wir hoffen, dass es so bleibt, weil Grenzverschiebungen auch Grenzverletzungen sind, erst Akte der Aggression, vielleicht später der Wiedergutmachung, es ist eine Schmach und mündet in Krieg.

Lassen wir die Grenzen wie sie sind, wir leben gut und friedlich mit ihnen. Nun, da wir sie überwunden haben. Und das haben wir doch in Europa, oder? Administrativ durch das Schengener Abkommen, im Privaten durch die alltägliche Grenzüber- und Grenzrücküberschreitung. Schlagbäume existieren nicht mehr, lästige Ausweis- oder Passkontrollen auch nicht.

Solche Prozeduren waren es, die Grenzen früher, wie der Kulturwissenschaftler und Grenzforscher schlechthin, Karl Schlögel von der Europa-Universität Viadrina, schreibt, zur „Zone des angehaltenen Atems“ machte. Nicht nur an den Grenzen zwischen den Ideologien und Weltordnungen, auch beim Übertritt zum freundlichen Nachbarn wurde der Grenzgang immer begleitet von bangen Fragen: Habe ich etwas falsch gemacht? Etwas nicht verzollt? Ist der Ausweis noch gültig?

Einmal, vor Jahren, lange vor Schengen, rollte eine Kastenente, also ein Citroen 2 CV mit einem Transportraum statt einer Rückbank, auf den Grenzübergang von Kiefersfelden nach Kufstein in Österreich zu. Es war Ferienzeit, Schlangen hatten sich gebildet. Die Kastenente, etwa so groß wie ein VW-Käfer, den es damals noch als Inbegriff des Kleinwagens gab, wurde bei der Ausreise aus Deutschland durchgewinkt. Bei der Einreise nach Österreich wollte der Zollbeamte neben dem Ausweis auch die Fahrzeugpapiere sehen. In denen steht, dass die Kastenente ein LKW ist.

„Ha, da stehen Sie hier falsch“, sagte der Zollbeamte, „sie müssen sich da drüben bei den LKW einordnen.“ Es war sehr demütigend für die Kastenente, sich noch einmal zwei Stunden einzuordnen.

Zollbeamten an ihren Schlagbäumen waren in der Lage, das Verhältnis zu einem Staat auf Jahrzehnte zu prägen.

Es ist auch im Rückblick kaum tröstlich, dass es Schlagbäume und grimmige Zollbeamte heute nur noch für die Verbrecher gibt. Dänemark und die Schweiz halten wieder oder noch an der Grenze fest, an der Grenze als Abgrenzung gegen Waffen- und Drogenhändler. Zumindest in Stichproben. Und es ist auch nicht tröstlich, dass Zollbeamte heute nicht mehr gar so grimmig sind und es bei den anderen Gangstern, den Schwarzgeldschmugglern, mitunter nicht so genau nehmen wie weiland bei einer Kastenente.

Grenze, das war indes nicht nur administrative Linie, irgendwann und irgendwie festgelegte Markierung, das war auch vielerorts die Schwelle zwischen Sprachen. Die 3400 Kilometer Grenze zwischen der Bundesrepublik und ihren unmittelbaren Nachbarn verteilen sich auf neun Länder. Sieben davon haben ihre eigene Sprache, die Schweizer haben gleich vier Sprachen, aber alle im Grenzgebiet verstehen Deutsch. Es ist dies allerdings nur nach einer Seite hin eine offene Sprachgrenze. Im grenznahen Bereich von Polen, Tschechien, Frankreich, Luxemburg, Belgien, den Niederlanden und Dänemark versteht man die deutschen Nachbarn. Aber umgekehrt?

Wohl die wenigsten Deutschen wissen, was „ja dziekuje“ bedeutet. Das ist Polnisch. Wie man „dekuji“ übersetzt. Das ist Tschechisch. Und wann und warum man in Aabenraa in Dänemark, „mange tak“ sagt. Immer dann nämlich, wenn man in den Niederlanden „dank je wel“ sagen oder in Frankreich, Luxemburg und Belgien ein „Merci“ von sich geben würde.

Wobei, in Wissembourg im Elsass nahm dieser Tage ein sehr rheinisches Paar nebst sehr rheinischer Freundin in einem Café Platz. Die sehr junge, französische Bedienung verstand nicht auf Anhieb, was sie auf die Bestellung „isch nimm sunne Wiisswein, diese Zwicker“, bringen sollte. Nach einigem Hin und Her und Vermittlungen von Nachbartischen brachte sie dann doch den geforderten Edelzwicker, bekam aber kein „Merci“ zu hören, nur ein „na also, jeht doch“.

Kann sein, dass die Anekdote nicht typisch ist und in die Schublade gehört, in der schon der Rubikon liegt, aber sie zeigt auch, dass Sprache auch eine Abgrenzung ist, nur dass die Barriere nicht die Sprache selbst ist, sondern die Arroganz.

Doch dergleichen nimmt ab, zumal sich die Jugend längst darauf verständigt hat, gleich auf neutrales Gebiet zu treten und Englisch zu parlieren.

Die Grenze als mit Pfählen oder Steinen oder gar Zäunen erkennbare Demarkationslinie gibt es nicht mehr, die Sprachgrenze ebenso wenig. Und eine Währungsgrenze? Die Dänen halten an Kronen fest, die Tschechen ebenfalls, die Polen zahlen mit Zloty und die Schweizer horten Franken. Aber wer die Landeswährung gerade nicht zur Hand hat, zahlt eben mit Euro. Speisekarten und Rechnungen weisen ausdrücklich die Alternative aus und der Taxifahrer in Stettin, der den Reisenden zum Bahnhof fährt, murrt. Nicht wegen der frühen Stunde um fünf Uhr morgens, sondern weil der Reisende die Zahlung mit Zloty anbietet. „Wenn es nicht anders geht, haben Sie keine Euro?“

Auf dem Markt mischt sich ohnehin alles. Das war schon immer so. Es gibt unterschiedliche Zollbestimmung, unterschiedliche steuerliche Belastungen und Preise. Dem Grenzbewohner kann das nur recht sein, er ist ein privilegierter Zeitgenosse, der sich heraussucht, was genehm ist. Die Luxemburger aus Wasserbillig machen rüber über die Mosel nach Trier, um dort einzukaufen, die Trierer nehmen den anderen Weg, um in Wasserbillig zu tanken. Und im Dreiländereck von Basel sieht der ideale Lebensentwurf so aus: Leben und wohnen wie Gott in Frankreich, und zwar in Frankreich; arbeiten in der Schweiz, weil dort die Gehälter göttlich sind; und einkaufen in Deutschland, dem Schnäppchenjäger-Paradies.

Aber irgendeine Grenze muss doch bestehen bleiben. Die der Moral? Gibt es Dinge, die in einem Land möglich sind, in einem anderen aber nicht?

Dass Geld versteckt wird und wie es versteckt wird in Luxemburg oder in der Schweiz, ist anderenorts so nicht möglich. Aber es sind Deutsche, die ihr Geld an der Steuergrenze vorbeischmuggeln, insofern kennt auch die Moral in Europa, zumindest in Deutschland, keinerlei Grenzen. Man kann sagen, die Moral ist grenzenlos verkommen.

Ebenso verkommen wie in großen Teilen des tschechischen Grenzgebietes. Dort, wo niemand die zahllosen Männer daran hindert, sich im quasi rechtsfreien unbegrenzten Raum der Prostitution, des Menschen- und Kinderhandels umzutun. Es ist dies im übrigen kein Preis der Grenzenlosigkeit, kein Preis, den Europa für seinen Freiheit zahlen müsste. Denn auch die Grenzenlosigkeit kennt Gesetze, sie müssten eben nur befolgt werden.

Die Grenze also, der Punkt, die Linie, an der ein Staat, ein Land, Völker aneinanderstoßen, gibt es sie noch in diesem Europa, das derzeit um sich und seine Einheit kämpft, wie noch nie in seiner Geschichte?

Es gibt sie noch, die Grenze, aber sie verläuft nicht mehr durch Wälder und Seen, nicht mehr durch den Rhein oder entlang der Oder, es existieren die Grenzen selbst als Wassergrenzen nur noch auf dem Papier. Die reale Grenze markiert die Trennung zwischen der technisierten Welt, zwischen der Welt, die freien Zugang zum Internet hat, und zu der, der dieser Zugang versperrt ist.

Das ist, was in einer global erschlossenen Welt als letzte Grenze wahrzunehmen ist: die Netzgrenze.

In dieser Welt sind Grenzgebiete in gewisser Weise ein Nirwana geblieben. „An Grenzen“, schreibt Grenzforscher Karl Schlögel, „an Grenzen ist eine Welt nicht zu Ende, sondern fängt eine andere an.“ Das Netz, indes, will das nicht wahrhaben. Aufgeregt springt es im Grenzgebiet zwischen den diversen Telefonanbietern, wählt mal den deutschen Anbieter, mal den des Nachbarn, kann sich nicht entscheiden, ob es belgische oder niederländische Signale auffangen soll, ob es auf Französisch senden will oder auf Schwiizertüütsch. Kurzum, im Grenzgebiet verweigert das globale Netz die Mitarbeit.

Es ist paradox. An seinen ausgefransten Rändern ist Zentraleuropa nicht erreichbar. Man steht dann, irgendwo zwischen Deutschland und Polen, zwischen Österreich und der Schweiz oder wo auch sonst, ziemlich dumm da als Grenzgänger. Weil das Netz in seiner Entschlusslosigkeit keine Lösung findet und die Verbindungen stets sofort wieder abreißen.

Schwupp, schon sucht es wieder, rein, raus, rein, raus.

An der Grenze ist das weltweite Netz nicht gesprächsbereit. Und das ist doch wirklich jenseits der Grenze.

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