Weiterbildung : Gewerkschaften und Politik halten an Bildungsurlaub fest

Dem Industrie- und Handelskammertag arbeiten die Deutschen zu wenig und nehmen zu viel Urlaub. In genau diesem sollen sie sich um ihre Weiterbildung kümmern, fordert der DIHK. Eine unpopuläre Forderung, wie die verärgerten Reaktionen zeigen.

BerlinIm Urlaub sollen sich die Bundesbürger nach dem Willen des Deutschen Industrie- und Handeskammertages (DIHK) verstärkt um die eigene Weiterbildung kümmern. Die Forderung stieß bei Parteien und Verbänden auf ein geteiltes Echo. Insgesamt überwogen jedoch die ablehnenden Stimmen. Hintergrund ist ein europaweiter Vergleich zur Entwicklung der Arbeitszeiten. Demnach haben die Arbeitnehmer in Deutschland durchschnittlich 40 Urlaubs- und Feiertage im Jahr. Der EU-Durchschnitt liegt bei 33,7 Tagen.

Deutschland habe zusammen mit Schweden die meisten Urlaubs- und Feiertage, sagte DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben der Tageszeitung "Die Welt". "Da ist genug Luft für beides: Erholung und Weiterbildung. Die Arbeitnehmer in Deutschland müssen mehr Ferien- und Freizeit in ihre Weiterbildung investieren - gerade auch vor dem Hintergrund des drohenden Fachkräftemangels."

Aus dem Bundesarbeitsministerium hieß es dazu lediglich, der gesetzliche Urlaubsanspruch liege bei 24 Tagen. Für viele Beschäftigte gibt es aber günstigere tarifvertragliche Vereinbarungen. Die Zahl der Feiertage ist von Bundesland zu Bundesland verschieden.

Union und DGB gegen DIHK-Vorschlag

Der arbeitsmarktpolitische Sprecher der Unions-Fraktion, Ralf Brauksiepe (CDU), wies den DIHK-Vorstoß zurück: "Es gibt keinen Anlass, auf tarifliche Urlaubsansprüche zu verzichten", sagte Brauksiepe. Er wies darauf hin, dass es in den meisten Bundesländern auch einen gesetzlichen Anspruch auf Bildungsurlaub gebe. Dieser werde aber "relativ wenig in Anspruch genommen".

Ablehnung kam auch vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). Der Vorschlag gehe an der Realität vorbei, sagte der DGB-Referent für Berufsbildung, Hermann Nehls. Der Weiterbildungsbedarf in den Betrieben dürfe "nicht zulasten der Beschäftigten gehen, indem sie ihren verbrieften Tarifurlaub zur Verfügung stellen." Nehls forderte die Firmen auf, Weiterbildungspläne zu erstellen. Bislang werde Bildungsurlaub nur von ein bis zwei Prozent der Beschäftigten in Anspruch genommen.

Gegenvorschläge statt Zustimmung

Für den CDU-Berufsbildungsexperten Uwe Schummer geht der DIHK-Vorschlag dagegen in die richtige Richtung. Er kündigte eine Initiative der Koalition für betriebliche Langzeitkonten an. Darauf könnten Arbeitnehmer Urlaubstage und Überstunden sammeln, um sie für Qualifizierungszeiten, Familienphasen und vorgezogene Altersrente abzurufen. "Der Arbeitgeber verzinst die Zeitkonten mit weiteren Zeitguthaben. Beide, Arbeitgeber und Arbeitnehmer, profitieren vom Bildungsurlaub."

Der bildungspolitische Sprecher der FDP, Patrick Meinhardt, kritisierte, Deutschland zähle in der Weiterbildung zu den Schlusslichtern Europas. Angesichts des drohenden Fachkräftemangels sei es unerlässlich, verstärkt auf Weiterbildung zu setzen. Der stellvertretende Fraktionschef der Linken, Werner Dreibus, wies den DIHK-Vorschlag zurück. "Urlaubstage sind zur Erholung da und in tariflichen Auseinandersetzungen hart erkämpft worden. Der Fachkräftemangel hat damit rein gar nichts zu tun." (mit dpa)

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