• Welche Führungsvariante bleibt noch - abgesehen von der SPD-"Streitkultur" und dem Kadavergehorsam der Schwarzen? (Kommentar)

Politik : Welche Führungsvariante bleibt noch - abgesehen von der SPD-"Streitkultur" und dem Kadavergehorsam der Schwarzen? (Kommentar)

Norbert Seitz

Die Szene bleibt unvergesslich. Lothar Späth kauert tief getroffen auf seinem Delegiertensitz, von Kameras umringt und mütterlich getröstet von Rita Süssmuth. Bremen im September 1989. Der Kanzler, mit lauerndem Augenspiel am Vorstandstisch, zerreißt einen Zettel in vier Teile und stiehlt sich davon. Die Arbeit ist getan, Kopfschütteln auf Seiten der baden-württembergischen Delegierten, die sich von Wallmanns Hessen und Blüms Nordrhein-Westfalen im Stich gelassen fühlen. Von nicht eingehaltenen Absprachen ist die Rede. Bis vor kurzem wäre die Frage ungeheuerlich gewesen, heute muss sie gestattet sein: Ließ sich Kohl die damalige Abwahl Späths etwas kosten?

Immerhin: Der Kanzler hatte seinen Parteiladen fest im Griff, ein unschätzbares Gut in Zeiten der grassierenden Funktionärsneigung, kein Mikrofon auszulassen. Kohls Ruf als Parteichef war über Jahre besser als seine Kanzlerreputation. In den eigenen Reihen erreichte er stets Höchstwerte - auch als er tief im demoskopischen Kanzlermalus herumdümpelte. Freilich profitierte er stets vom desaströsen Bild der SPD nach Brandt, von der Kluft zwischen den von oben verordneten "Grundwerten" und den jäh daran scheiternden Umgangsformen der Parteigranden. Fast könnte man meinen, dass hier das abschreckende Beispiel des politischen Gegners als drakonisches Erziehungsmotiv des eigenen Treibens diente.

Ein SPD-Spitzenkandidat muss heutzutage viel beliebter sein als seine ewig als zerstritten geltende Partei, oder sogar - wie Schröder - auf Distanz gehen, um beim Wähler eine Chance zu haben. Zwischen der CDU und Kohl lief es eher umgekehrt. Das Kohlsche Produkt - eine rabiat auf Vordermann gebrachte Union - hatte stets bessere Werte. Zudem erwartet das staatsbürgerliche Publikum trotz allen Infotainments von den Parteien noch immer die altmodische Kollektivtugend Geschlossenheit.

Seit Schmidts Kanzlerschaft brüstete man sich dagegen in der SPD mit einer opulent betriebenen "Streitkultur". Die Partei müsse halt "für die Gesellschaft" irgendwelche Stellvertreterkonflikte austragen. Dieser Euphemismus musste häufig als Rechtfertigung für öffentliche Konfusionen herhalten. Dennoch guckte man in SPD-Kreisen immer ein wenig abschätzig auf den rekorderverdächtigen Kadavergehorsam der Schwarzen und deren graumäusige Parteijugend. Als Schmidt ging, brachte Ralf Dahrendorf die Überlegenheit des Nachfolgers auf den Punkt. Kohl habe wohl mit jedem Parteitagsdelegierten schon ein Bier gezischt oder wenigstens ein Telefonat geführt. Das entscheidende Loyalitätsbeschaffungsdetail, pekuniäre Zuwendungen, ja ein postfeudales Dotationssystem, mochte sich Dahrendorf 1982 noch nicht ausmalen.

Die Metapher vom Tanker Volkspartei beschrieb einst treffend die Ambivalenz zwischen deren demokratischer Stabilitätsfunktion - man kriegt sie so leicht nicht weg -, und einem strukturkonservativen Immobilismus - sie verändern nicht viel. Doch momentan scheint es in der Union nur noch darum zu gehen, wer beim Absaufen die Kapitänsmütze aufbehält.

Kein Zweifel, die Parteiendemokratie ist lädiert. Kohls abgründiges Verständnis von Nibelungentreue wie die nervige SPD-"Streitkultur" auf der Gegenseite zeigen das Führungsdilemma der beiden Volksparteien. Es fragt sich, ob große Volksparteien überhaupt noch zu führen sind. War Kohls Verhalten am Ende auch eine Art machiavellistische Notbremse, hie und da noch eine Schippe draufzulegen, wohl wissend, dass in Zeiten einer verspielten Mediengesellschaft personengebundene Loyalität zum knappen Gut geworden ist? Hat der an alles denkende "Patriarch" bei der Durchsetzung altmodischer Gefolgschaftstreue sich "zeitgenössischer" Strategien bedient? Ist Loyalität ohne finanzielle Zuwendung kaum noch zu stiften? Und: Welche erfolgversprechende Führungsvariante bleibt einer Volkspartei in Zeiten schwindender Bindungskräfte - diesseits von sozialdemokratischer Funktionärsgeschwätzigkeit und jenseits von Kohls mafiöser Gefolgschaftstreue?

Viel wird davon abhängen, wie die Union mit ihrem entzauberten Patriarchen umspringen wird. In der Tat könnte sich das alte System Kohl ein letztes Mal an den Nachfolgern rächen: falls an der enttäuschten Basis der Eindruck eines allzu forschen Tabula Rasa seitens der nachdrängenden "Jungen Wilden" entstünde.Der Autor ist Redakteur der Monatszeitschrift "Die Neue Gesellschaft/ Frankfurter Hefte" in Berlin.

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