Politik : Welt-Aids-Tag: Erkrankt: die anderen

Christian Domnitz

Nach dem Aids-Bericht der UN verzeichnet das postsowjetische Land die höchste Aids-Zuwachsrate weltweit. Bereits ein Prozent der Bevölkerung soll infiziert sein. Doch keiner weiß es genau und keiner will es wissen: Die Dunkelziffer ist hoch, und Infizierte werden ausgegrenzt.

Peter Piot müssen die Zahlen geschockt haben. Er ist Direktor des Anti-Aids-Programms der Vereinten Nationen - und hielt seine Pressekonferenz zum Welt-Aids-Tag in Kiew ab. "Wir sind hier an dem Ort, wo die Epidemie am schnellsten um sich greift", sagte Piot am Freitag in der ukrainischen Hauptstadt. Die Vereinten Nationen und die Weltgesundheitsorganisation schätzen, dass in der Ukraine bereits ein Prozent der Bevölkerung infiziert sei. In dem Land mit 49 Millionen Einwohnern wären das eine halbe Million Menschen - bekannt sind hingegen nur 72 000 Fälle. Die Einstellung zu Aids in der Ukraine gleicht der im Deutschland der Anfangs-Achtziger, als das Schreckgespenst Aids die Schlagzeilen beherrschte: Homosexuelle und Drogenabhängige werden ausgegrenzt - dem, der anständig lebt, könne eine Infektion nicht passieren, heißt es. Motto: Aids haben hier immer noch die anderen.

Das ukrainische Gesundheitswesen ist in einem katastrophalen Zustand. Den Ärzten und Schwestern wird nur unregelmäßig Lohn gezahlt, importierte Medikamente sind zu teuer. Deshalb bekommen hier nur wenige Aids-Patienten Medikamente, mit denen sich der Ausbruch der Krankheit verzögern lässt. Nach einer Infektion leben sie im Durchschnitt nur halb so lang wie Patienten im Westen: Fünf Jahre.

"Unter denen, die wir hier behandeln, hängen 80 Prozent an der Nadel", sagt Svetlana Antoniak, Ärztin in der Aids-Station der ukrainischen "Klinik für Infektionskrankheiten" in Kiew, neben dem städtischen Aids-Zentrum die Hauptanlaufstelle für Infizierte, die von ihrer Krankheit wissen und sie nicht verheimlichen. Jährlich kämen etwa 150 neue Patienten hinzu. Auf die Frage "Wie viele haben Sie schon?" antwortet Svetlana Antoniak mit "unendlich viele". Die meisten werden ambulant behandelt, 20 Betten gibt es für die harten Fälle - die Todesstation. Viele ukrainische Aids-Kranke dürften hingegen auch an anderen Orten sterben: auf Tuberkulosestationen, in kleinen Provinzkrankenhäusern, in der Wohnung und auf der Straße. Oder zuhause bei den Eltern: Jeder Zweite, der sich in dem Land mit der Immunschwäche ansteckt, ist unter 20 Jahren alt. Nach einer Unicef-Erhebung wissen über die Hälfte der jungen Ukrainer zwischen 15 und 24 Jahren nichts von Aids oder haben nur unzureichende Erkenntnisse über die Verbreitungswege der Krankheit. In Kiew wird gesagt, die Sowjetunion sei "ein Land ohne Sexualität" gewesen. Im Nachfolgestaat Ukraine ist Aids heute ein Tabuthema.

Dagegen kämpft Andrej Nikonow (Name geändert), er arbeitet in einer lokalen Selbsthilfegruppe Aids-Infizierter. "Ich kann niemandem professionelle ärztliche Hilfe oder psychologischen Beistand geben", sagt er, "aber ich kann anderen zeigen, wie ich mir selbst in einer schweren Krise half". Andrej Nikonow ist ein Ausgegrenzter: Als eine neue Plombe fällig war, wurde er von einem Zahnarzt zum anderen geschickt, nachdem er von seiner Infektion berichtete. "Solche behandeln wir hier nicht", sagte schließlich einer. Seinen Verwandten sagt Andrej, er habe Husten, Schnupfen, Bronchitis oder Hepatitis. Doch einmal habe er ein Tuscheln gehört: "Weißt Du, dass er Aids hat?"

Der ukrainische Präsident Leonid Kutschma hat für 2002 das "Jahr des Kampfes gegen Aids" angekündigt. Das dazugehörige Gesetz heißt "Über die Verhinderung von Infektionen - zum Schutz der Bevölkerung". Aids haben in der Ukraine die anderen.

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