Politik : Welt oder Leben!

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Schön, dass es endlich Alternativen gibt. Draußen gleich rechts hinter dem Roten Zwerg Gliese 581 (klingt wie: „Gliese, zweimal klingeln“) liegt die Welt 2.0. Etwas zu klein für uns alle, aber sonst tipptopp. Easyjet ist dem Vernehmen nach dabei, die ersten Billigflüge zu kalkulieren: 19,99 Euro pro Strecke liegen schon fest, allerdings gelten die zusätzlichen sechs Milliarden Euro für die belegten Brötchen während des Fluges noch als schwer vermittelbar.

Insofern müssen wir uns auf absehbare Zeit damit zufrieden geben, dass wir nicht mit der ganzen Welt, aber doch mit unserem Leben ausweichen können, und zwar ins Second Life, die internetgestützte Traumwelt. Das Leben nach eigenem Gusto gestalten, nach dem Vorbild von Barbie oder Superman, ach!

Eine entscheidende Hoffnung ist leider schon wieder zerstört: Es gibt dort drüben tatsächlich nicht nur Talkshows, sondern auch Podiumsdiskussionen. Und sie werden mit der gleichen Schwerstbetroffenheit ausgefochten wie im Ratskeller Pankow oder dem Nachbarschaftsheim Zeulenroda. Etwas allerdings ist doch anders: Als sich in dieser Woche die virtuellen Vertreter von vier Parteien auf Initiative von „politik.de“ zum Rapport bei Greenpeace trafen, fand die Veranstaltung ein abruptes Ende. Eine Flutwelle raffte das Studio von dannen, nässte die Hosenbeine der Teilnehmer und löste den Schreckensruf aus: „Wir gehen gerade unter, der Klimawandel hat Second Life erreicht!“

Das wäre zweifellos eine weitere der vielen positiven Eigenschaften des Klimawandels. Doch Second Life wird wohl nicht absaufen. Es hat vielmehr, so scheint es, die Absicht, den Fluch menschlicher Selbstüberhebung an Ort und Stelle zu demonstrieren. Sollte es demnächst beispielsweise um die Armut gehen, werden die Teilnehmer vermutlich erleben, dass ihre Maßanzüge während der Diskussion zu Staub zerfallen und der Pfälzer Riesling sich im Glas in fiesen Kartoffelschnaps verwandelt.

Das nächste Diskussionsthema bei „politik.de“ steht übrigens schon fest: Es geht um die Wahl in Bremen. Vermutlich wird gegen Ende der Diskussion eine Kolonne von Neonazis ins Studio trampeln und schon mal versinnbildlichen, was passiert, wenn der Wähler sein Kreuz an der falschen Stelle macht. Oh, wird der Wähler dann sagen, gut, dass ich das noch rechtzeitig gemerkt habe, das hätte ich mir so unangenehm nicht vorgestellt.

So wird Second Life also doch etwas zur Stabilisierung der Demokratie beitragen. Und das wird hoffentlich so lange reichen, bis wir endlich losfliegen können.

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