Weltbevölkerungstag : Wo der Kindersegen zum Albtraum wird

Experten warnen vor einem Planeten mit zu vielen Menschen. In Tansania sind die Probleme schon heute riesig.

Jan Dirk Herbermann

DaressalamDie Hütte ist voll. Es ist laut. Es ist heiß. Mädchen, Jungen, Mütter und Väter drängeln sich in dem engen Raum. Ein Baby dämmert auf dem Schoß einer jungen Frau weg, auf der Nase des Kleinen tanzen zwei Fliegen. An der schmutzigen Decke des Schulgebäudes schlappt ein Ventilator. Rund zwanzig Meter entfernt holpern Lastwagen und Autos nach Arusha, die Stadt unweit des Kilimandscharo.

Ein kräftiger Mann, Peter Munene, schleppt einen Videospieler in die stickige Bude. Dann hält Munene eine Rede. Das Publikum grölt. Munene arbeitet als Landesdirektor der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung (DSW) in Tansania. Jetzt starren die Menschen auf die Leinwand. Der Film beginnt: Es geht um Verführung und Sex, Schwangerschaft und Verzweiflung. Vor allem aber geht es um Verhütung. Tausende Tansanier haben das Verhütungsvideo schon gesehen; die DSW geht mit dem Streifen landesweit auf Tour. Auch an diesem 11. Juli wird die DSW das Video wieder zeigen: Es ist der Weltbevölkerungstag. Diesjähriges Thema ist die Familienplanung.

In Tansania nutzt nur jedes fünfte Paar moderne Verhütungsmittel wie Kondome. Verwundert es da, dass die Fruchtbarkeitsrate in Tansania eine der höchsten der Welt ist? Die Frauen Tansanias bringen im Durchschnitt laut UN 5,4 Kinder zur Welt. Die Folge: Die Bevölkerung Tansanias wächst und wächst.

Lebten im Jahr 1988 noch 23 Millionen Menschen in dem ostafrikanischen Staat, zählen die Demografen heute rund 40 Millionen Menschen. Bis 2050 wird sich die Bevölkerungszahl wohl mehr als verdoppeln. Experten wie Angelika Schrettenbrunner von der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit schimpfen: „Die Familienplanung in Tansania ist eine Katastrophe.“ Anders gesagt: Die Planung existiert gar nicht.

Und so droht sich Tansanias Kindersegen in einen Albtraum zu verwandeln: Schon heute schafft es das bitterarme Land kaum, alle Einwohner satt zu bekommen. Nach inoffiziellen Schätzungen geht die Hälfte der Männer keiner regelmäßigen Beschäftigung nach. Trotz internationaler Hilfen fristen fast 60 Prozent der Einwohner ihr Dasein unter der Armutsgrenze: Sie haben umgerechnet weniger als einen US-Dollar pro Tag. „Tansanias wirtschaftliche und soziale Entwicklung ist akut gefährdet“, warnt Johnbosco Basso, Mediziner vom Marie-Stopes-Krankenhaus in der Hauptstadt Daressalam. „Auch das Gesundheitssystem kann mit dem rasanten Wachstum der Bevölkerung nicht fertig werden.“ Das Gesicht des Mitvierzigers verdüstert sich: „Hier tickt eine Zeitbombe.“ Die ehemalige deutsche Kolonie droht so zu einem Musterbeispiel für den vergeblichen Kampf der Vereinten Nationen gegen die Armut zu werden. Tansanias Regierung schaut dem Unheil hilflos zu. Zwar verabschiedeten die Politiker 1992 ein Konzept für eine „Nationale Bevölkerungspolitik“. Das Ziel: Man wollte den „Lebensstandard und die Lebensqualität aller Menschen“ verbessern. Doch Inkompetenz, Schlamperei, Korruption und Geldmangel ließen das Projekt zerschellen. „Und jetzt kommen noch die explodierenden Preise für Lebensmittel hinzu“, sagt ein westlicher Geschäftsmann. So fehlt dann auch das Geld, um zu verhüten.

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