Welternährungsgipfel : Tanken statt Essen?

Der Anbau von Rohstoffen für Biokraftstoffe ist umstritten – in Rom treffen Pro und Contra aufeinander.

Paul Kreiner[Rom]
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Das tägliche Elend. Junge auf einer Müllhalde im ruandischen Kigali. -Foto: ddp

„Fiat Panis“ – „Es werde Brot!“, lautet der lateinische Wahlspruch der Welternährungsorganisation FAO. Aber was ist, wenn auf den Feldern keine Nahrungsmittel mehr wachsen, sondern Rohstoffe für Biosprit?

Beim Gipfeltreffen in Rom sagt es FAO-Generalsekretär Jacques Diouf ganz deutlich: „Angesichts von 862 Millionen Hungernden auf der Welt versteht niemand, warum in einem einzigen Jahr hundert Millionen Tonnen Getreide dem menschlichen Verzehr entzogen werden und dafür hauptsächlich den Treibstoffdurst von Autos stillen.“ „Na ja“, mildert UN-Generalsekretär Ban Ki Moon am Tag danach diplomatisch ab: „Sicher sind die Biotreibstoffe ein Grund für die heutige Nahrungsmittelkrise, aber eine Gesamtbewertung können wir noch nicht vornehmen.“

„Stimmt“, sagt Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva. „Wie es im menschlichen Körper ,gutes’ und ,schlechtes’ Cholesterin gibt, so gibt es auch guten und schlechten Biosprit.“ Brasilien stellt – neben den USA – weltweit das meiste Ethanol her. Mit rhetorischer Wucht macht sich Lula also beim FAO-Gipfel für seinen „guten“ Biosprit stark. Anders als die Gegner behaupteten, werde zumindest in Brasilien kein Ackerland der Nahrungsproduktion entzogen: „Wir haben Boden im Überfluss; ein Gelände von der Größe Deutschlands und Frankreichs zusammen wird agrarisch derzeit überhaupt nicht genutzt. Zuckerrohr zur Treibstoffproduktion bauen wir überhaupt nur auf einem Prozent unserer Fläche an.“ Und der tropische Regenwald werde gleich gar nicht angetastet.

Auch führe Ethanol aus Zuckerrohr zu einem bis zu acht Mal niedrigeren CO2-Ausstoß als beispielsweise nordamerikanisches Ethanol aus Mais oder gar der europäische Biodiesel aus Ölpflanzen, sagt Lula. Dessen Sicht wird von der OECD geteilt, dem Klub der dreißig reichsten Industrieländer der Erde: „Wir müssen unterscheiden zwischen Biosprit, der dort verwendet wird, wo die Produktion rentabel ist, und einer Förderpolitik, die mit Subventionen, Zöllen und Verwendungsquoten Agrarprodukte in den Tank lenkt“, sagt OECD-Agrardirektor Stefan Tangermann. Brasilien sei in der Tat das einzige Land, in dem sich die Produktion von Bioethanol lohne. Die EU hingegen, noch mehr aber die USA, „vermehren mit ihrer Subventionspolitik für Biotreibstoffe den Hunger in der Welt.“ Der Anbau von Mais und Ölsaaten in den USA und in der EU, so Tangermann, „bindet Flächen, auf denen sonst Nahrungsmittel oder Futtermittel angebaut würden, trägt zu einem hohen Preisniveau bei, und das wiederum macht das Leben für die Armen noch schwerer.“

Gerade in den bevölkerungsreichsten Staaten der Erde, in China und Indien, steigt nicht nur die Nachfrage nach Brotgetreide oder Reis, sondern auch der Bedarf an Tierfutter. In China ist der Fleischkonsum seit 1980 um 150 Prozent, also um mehr als das Doppelte, gestiegen. „Wir sind ja glücklich, wenn Länder mehr essen“, sagt FAO-Generalsekretär Diouf, „das ist Zeichen für Entwicklung, für wachsenden Wohlstand.“ Andererseits vergrößert der neue „Reichtum“ dort die Armut in anderen Regionen, in weiten Zonen Afrikas beispielsweise, die sich aufgrund chronisch vernachlässigter Landwirtschaft nicht mehr selbst versorgen können und genau die Nahrungsmittel importieren müssen, die auf dem Weltmarkt knapper und teurer geworden sind.

Fast ganz Afrika und 55 Prozent der Entwicklungsländer müssten Nahrungsmittel einführen, sagt Lennart Bage, Präsident des UN-Fonds für Landwirtschaftliche Entwicklung (IFAD). Das führe zu der Paradoxie, dass genau diese agrarisch strukturierten Länder jetzt am meisten hungern. Bage plädiert denn auch für etwas, das sich auf dem FAO-Gipfel als Erkenntnis und als dringende Forderung durchzusetzen beginnt: Nach jahrzehntelanger Vernachlässigung der kleinen, privaten Landwirtschaft bei der Entwicklungshilfe soll nun rapide und entschlossen die Kehrtwende vollzogen werden.

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