Welternährungsgipfel : Viele Aufrufe, viele Versprechungen - keine konkreten Summen

Der UN–Gipfel zur Welternährung hat in Rom mit vielen Aufrufen begonnen - von Papst Benedikt XVI. bis zu UN-Generalsekretär Ban Ki Moon. Dazu gab es finanziell unbezifferte Versprechungen. Und Libyens Staatschef Muammar al Gaddafi wetterte gegen "die Reichen".

Paul Kreiner[Rom]

„Allein heute, an diesem Tag, sterben 17.000 Kinder auf der Welt vor Hunger, alle fünf Sekunden eines, sechs Millionen pro Jahr. Das ist nicht zu akzeptieren. Wir müssen handeln.“ So sagt es UN–Generalsekretär Ban Ki Moon. „Der Hunger ist das grausamste Zeichen der Armut. Wir können üppiges Leben und Verschwendung nicht länger akzeptieren, während das Hungerdrama immer größere Dimensionen annimmt.“ So sagt es Papst Benedikt XVI.

Papst und UN-Generalsekretär redeten zum Auftakt des dreitägigen Welternährungsgipfels in Rom den Delegierten ins Gewissen. Bewegen indes konnten sie niemanden mehr: Die Abschlusserklärung war an diesem Montagmorgen längst ausgehandelt, und noch bevor der Papst ans Mikrofon trat, hatte das Plenum sie bereits beschlossen.

Zum „Gipfel über die Nahrungssicherheit“ eingeladen hatte die Welternährungsorganisation FAO, eine Behörde der Vereinten Nationen. Die Resonanz aber war entschieden verhaltener als vor einem Jahr, als gewalttätige Hungeraufstände in Asien ein schnelles politisches Handeln angeraten schienen ließen.

Diesmal fehlen vor allem die Regierungschefs jener Staaten, von denen sich die hungernden Länder der Dritten Welt finanzielle und politische Hilfe erwarten: Aus dem Kreis der G-8, der führenden Industriestaaten der Welt, ließ sich lediglich Ministerpräsident Silvio Berlusconi sehen, als „Gastgeber“ gewissermaßen.

Libyens Herrscher Muammar al Gaddafi schoss eine Breitseite gegen die „Reichen“ ab: Sie hätten noch keines jener Versprechen gehalten, die sie bei früheren Gipfeltreffen gegeben hätten. Und der brasilianische Ministerpräsident Inacio Lula da Silva kritisierte, der Kampf gegen den Hunger nehme in der globalen Politik nur eine Nebenrolle ein: „Mit der Hälfte des Geldes, das die Weltpolitiker in die Rettung ihrer Banken gesteckt haben, hätten sie den Hunger überall auf der Erde ausrotten können.“

Tatsächlich fehlt in der Abschlusserklärung des Gipfels jede konkrete Summe. 44 Milliarden US–Dollar jährlich, also ewa 30 Milliarden Euro, verlangt FAO–Generalsekretär Jacques Diouf zur Bekämpfung des zunehmenden Hungers. 1,02 Milliarden Menschen, also ein Sechstel der Weltbevölkerung, kommen nach FAO-Angaben nicht an die zum Überleben notwendige Nahrung; Tendenz: steigend. Die Gipfelteilnehmer von Rom bekräftigen demgegenüber lediglich ihre alten Verpflichtungen, die „Zahl der Hungernden bis 2015 halbieren“ zu wollen – ein Ziel, das von Hilfsorganisationen als nunmehr unrealistisch eingeschätzt wird.

In ihren „fünf Prinzipien zur nachhaltenden Welt-Ernährungssicherheit“ verpflichten sich die Gipfelstaaten, die Kleinlandwirte in den Entwicklungsländern zu stärken – beispielsweise mit der Lieferung modernen, gegen Hitze und Dürre resistenten Saatguts, mit Technologie zur Begrenzung der schädlichen Folgen des Klimawandels, mit Kapital und schließlich mit der „Stärkung der Märkte und einem gerechten Zugang zu ihnen“.

Die Gelder für die Landwirtschaft, die in den achtziger Jahren 19 Prozent der Entwicklungshilfe ausmachten, nun aber auf 3,6 Prozent gefallen sind, sollen „substantiell“ angehoben werden. Ferner soll das „Komitee für die Welternährungssicherheit“ (CFS) praktisch neugeschaffen und zu einer „Plattform der Zusammenarbeit“ zwischen Regierungen, Nahrungsproduzenten, regionalen und internationalen Organisationen, sowie zwischen privaten Verbänden und  Hilfsorganisationen ausgebaut werden. Das ist gewissermaßen ein Schritt zu jener „Weltregierung in Sachen Nahrungssicherheit“ die FAO-Generalsekretär Diouf schon lange fordert.

Hilfsverbände begrüßen unterdessen, dass auch sie in dieses Komitee einbezogen werden sollen. Die unabhängige Entwicklungsorganisation Oxfam lobt den römischen Gipfel dafür, dass er die Not leidenden Kleinbauern unterstützen will, kritisiert aber, dass „weder die konkrete Finanzierung, noch die Umsetzung und die Überprüfung dieser Ziele festgelegt“ worden seien: „Leere Versprechen machen die Hungernden aber nicht satt”, erklärte Oxfams Agrarexpertin Marita Wiggerthale.

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