Welternährungsprogramm : „Wir versuchen, kleiner zu denken“

Wegen der hohen Lebensmittelpreise hungern viele Menschen - gerade in Afrika. Die Suventionen der Industrienationen verstärken das Problem. Das Welternährungsprogramm will daher mit Farmern aus Entwicklungsländern ins Geschäft kommen.

Dagmar Dehmer
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Nur eine Mahlzeit am Tag. In Simbabwe überleben viele Kinder nur, weil es Schulspeisungen gibt. Gerade dafür will das WFP mehr bei...Foto: dpa

Es ist nicht das erste Mal, dass sich das Welternährungsprogramm (WFP) mit hohen Lebensmittelpreisen auseinandersetzen muss. Mitte der 90er Jahre lagen die Preise auf einem ähnlich hohen Niveau. Was ist diesmal anders?

Wir sehen eine strukturelle Verschiebung. Das liegt nicht mehr im Rahmen der normalen Schwankungen. Wir gehen davon aus, dass die Preise auf einem hohen Niveau bleiben werden – zumindest für die nächsten paar Jahre.

Liefern nun auch die USA weniger Hilfe in Form von Überschussgetreide, weil die Preise so hoch sind? Bisher nutzen die USA die Nahrungsmittelhilfe ja als indirekte Subvention für ihre Bauern.

Die USA sind der wichtigste Unterstützer der WFP-Hilfe im Sudan, was nach wie vor unsere größte Hilfsoperation ist, in Darfur aber auch im Süden. Die USA haben die Nahrungsmittelhilfe direkt geliefert. Aber auch dort wird auf die höheren Preise für Agrarrohstoffe reagiert werden, wenn in Kürze über ein neues Landwirtschaftsgesetz beraten wird.

Wie kann das WFP reagieren?

Das WFP bekommt mehr als die Hälfte der Spenden in Form von Bargeld. Wir nutzen dieses Geld, um Lebensmittel zu kaufen und sie zu den Bedürftigen zu transportieren. Wo immer es möglich ist, kaufen wir im betroffenen Land selbst oder einem Nachbarland ein. 80 Prozent der WFP-Lebensmittel werden so in Entwicklungsländern aufgekauft. Zum einen kauft man näher an den Betroffenen und spart Transportkosten. Zum anderen stärken wir damit den Agrarsektor der jeweiligen Region. Jetzt suchen wir nach Wegen, um diese Einkaufsmacht, die wir haben, noch stärker zu nutzen, um Kleinbauern näher an die Märkte zu bringen. Das WFP kauft typischerweise große Mengen Lebensmittel und muss das meist sehr kurzfristig tun. Deshalb kaufen wir meist bei Großhändlern, die große Mengen schnell und in guter Qualität zur Verfügung stellen können. Nun versuchen wir herauszufinden, ob wir mehr direkt bei Kleinbauern einkaufen können. Nehmen wir ein Beispiel: In Äthiopien liegt der Überschuss, den ein Kleinbauer überhaupt verkaufen kann bei etwa 30 Kilogramm im Jahr. Man braucht also sehr viele Kleinbauern, um auch nur 10 000 Tonnen zusammenzubringen. Wir versuchen nun Wege zu finden, um zum Beispiel über Bauernkooperativen einzukaufen.

Das WFP muss schnell auf Notsituationen reagieren. Wie soll das gehen?

Wir denken darüber nach, Mehrjahresverträge mit Kleinbauern abzuschließen. Das hätte für den Farmer den Vorteil, dass er weiß, er hat am Ende einen Käufer, und wir wissen, was wir dafür zu bezahlen haben. Ein gutes Beispiel dafür, wie das gehen könnte, sind Schulspeisungsprogramme. Da gibt es keinen Grund, nicht stärker mit den lokalen Bauern zusammenzuarbeiten. Denn diese Programme laufen in der Regel über mehrere Jahre, und es sind relativ kleine Mengen, die benötigt werden. Das ist eine Möglichkeit, um kleiner zu denken. Derzeit probieren wir das in einem dutzend Länder als Pilotprojekte, auch mit Hilfe von Gebern wie etwa der Gates-Stiftung.

Wie kann den Armen geholfen werden, mit den hohen Lebensmittelpreisen fertig zu werden?

Da sind sich alle UN-Organisationen einig. Wir werben für subventioniertes Saatgut und Dünger für die Bauern, damit sie ihre Produktion erhöhen können. Und wir werben für direkte Nahrungsmittel oder Bargeldhilfe für die Ärmsten. Wir hoffen, dass nicht noch mehr Regierungen mit Exportverboten für Lebensmittel reagieren. Denn die sind letztlich auch nicht in ihrem eigenen Interesse, weil die Bauern dann ihre Produktion eher senken.

Was sind die größten Herausforderungen für das WFP?

Wir arbeiten inzwischen nicht mehr nur mit den Katastrophenopfern, sondern bemühen uns auch um die Vorbeugung und die Übergangsphase von der Nothilfe zum Wiederaufbau. Die Stärke des WFP dabei ist die Frühwarnung, die Bewertung von Gefahren für die Ernährung und die schnelle Information von Regierungen, damit diese schneller reagieren können. Aber wir müssen feststellen, dass die Arbeit in vielen Regionen immer schwieriger wird. Vor wenigen Tagen ist in Darfur wieder ein Mitarbeiter erschossen worden, vor zwei Tagen auch ein Fahrer in Somalia. Die Nothilfe wird für uns und die Nichtregierungsorganisationen immer gefährlicher.

John P. Powell (63) ist stellvertretender Exekutivdirektor des Welternährungsprogramms (WFP). Er arbeitet schon seit 1990 für das WFP. Zuvor war er für die Weltbank tätig.

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