Weltflüchtlingstag : Willkommen an der Basis

Die Stimmung gegenüber Flüchtlingen hat sich verändert – das ehrenamtliche Engagement aber kaum nachgelassen

Ulrike Scheffer
Eine überfüllte Notunterkunft im September 2015 in Hessen.
Eine überfüllte Notunterkunft im September 2015 in Hessen.Foto: Boris Roessler/dpa

Wer erinnert sich nicht an die dramatischen Tage Anfang September 2015, als am Münchner Hauptbahnhof täglich tausende Flüchtlinge mit Applaus und Blumen von deutschen Bürgern empfangen wurden? Als überall in Deutschland spontan freiwillige Helfer dafür sorgten, dass die Neuankömmlinge Tee, Decken und Kleidung bekamen? Später wurden Begegnungscafés gegründet, Pensionäre und Studenten erteilten ehrenamtlich Sprachunterricht, begleiteten Flüchtlinge bei Behördengängen. Der Chef des UN-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) hat den Weltflüchtlingstag an diesem Dienstag dazu genutzt, dieses Engagement zu würdigen.
Dörfer, Städte und Gemeinden hätten Flüchtlingen ein sicheres Zuhause geboten, ihnen Schulen, Arbeitsstätten und Gemeinschaftseinrichtungen geöffnet, sagte Filippo Grandi in Genf. „Wir leben in einer Welt mit viel Ungewissheit, in wirtschaftlich labilen Zeiten, mit politischen Umbrüchen und Gewalt – manchmal möchten wir die Augen und unsere Türen davor schließen, aber Angst und Ausschluss machen die Lage nicht besser für uns, das bringt nur Hürden, Entfremdung und Verzweiflung.“
Doch was ist aus der Willkommenskultur geworden, die mit der Entscheidung zur Grenzöffnung durch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) begann? Straftaten von Flüchtlingen, sexuelle Übergriffe und Sozialbetrug blieben nicht ohne Folgen. Ende 2016 bewerteten fast zwei Drittel der Deutschen Merkels Flüchtlingspolitik kritisch, wie eine repräsentative Umfrage des Instituts Civey in Kooperation mit dem Tagesspiegel zeigte. Die AfD zog mit flüchtlingskritischen Kampagnen in zahlreiche Landesparlamente ein, die Bundesregierung verschärfte in der Folge Asylgesetze und forcierte Abschiebungen.

Unterstützerkreise haben noch Zulauf

Der Hilfsbereitschaft an der Basis hat all das indes offenbar keinen Abbruch getan. „Ich bekomme noch immer jeden Tag E-Mails von Menschen, die mich fragen: Was können wir tun?“, sagt Christiane Hacker. Die frühere Münchner Stadträtin und Bezirkspolitikerin leitet die ehrenamtliche Flüchtlingshilfe im Münchner Bezirk Bogenhausen. Mit rund 200 Helfern sei ihr Kreis relativ stabil geblieben, sagt die Pensionärin, die ihre eigene Motivation mit ihrer christlichen Prägung begründet. „Manche Mitstreiter haben sich irgendwann verabschiedet, um wieder mehr Zeit für andere Dinge zu haben, doch es sind stets neue hinzugekommen.“ Viele Unterstützer hätten ihr Engagement auch verlagert und organisierten nun Proteste gegen Abschiebungen. Einen generellen Stimmungswandel kann Christiane Hacker auch in ihrer Umgebung nicht ausmachen. „Manche sind misstrauischer, doch eine feindselig-aggressive Haltung etwa gegenüber jungen Männern sehe ich nicht.“ Allenfalls in ländlichen Regionen sei dies der Fall.
Katarina Niewiedzial, Integrationsbeauftragte in Berlins bevölkerungsreichstem Bezirk Pankow, hat ebenfalls nicht den Eindruck, dass sich das Willkommensklima wesentlich verschlechtert hat. „Es gab von Beginn an eine enorme Unterstützung, aber auch große Ablehnung in Teilen der Bevölkerung. Heute hat zwar die Zahl der Unterstützer abgenommen, anders als in den Hochzeiten der Flüchtlingskrise gibt es aber auch weniger Möglichkeiten, sich zu engagieren“, sagt sie. Kleiderspenden sortieren müsse heute niemand mehr, da die Kleiderkammern in vielen Unterkünften längst abgeschafft seien. „Mich sprechen immer wieder Bürger an, die das bedauern, da sie gern etwas tun würden und auch gern mit Flüchtlingen in Kontakt kommen würden.“

NPD kann kaum Flüchtlingsgegner mobilisieren

Wenn neue Flüchtlingsunterkünfte eröffnet würden, fänden sich nach wie vor sofort Anwohner zu einem Unterstützerkreis zusammen. Die NPD indes habe bei einer Informationsveranstaltung in einer neuen Unterkunft neulich gerade einmal fünf Demonstranten aufbieten können, so die Integrationsbeauftragte. Die AfD konnte im Berliner Wahlkampf im vergangenen Herbst allerdings durchaus punkten. 13,8 Prozent erhielten die Rechtspopulisten und errangen in einem Pankower Wahlkreis sogar ein Direktmandat für das Berliner Abgeordnetenhaus. Die Kritik an Flüchtlingen sei nur eines von vielen Themen, aus denen die Partei Profit geschlagen habe, glaubt Katarina Niewiedzial. Sie bleibt dabei: Eine breite Ablehnung von Flüchtlingen sei in ihrem Bezirk nicht spürbar.
„Was wir feststellen, ist eine Zunahme von Alltagsrassismus, Pöbeleien im Bus und Ähnliches. Das berichten auch Vertreter von Migrantenorganisationen.“ Diese Einstellungen habe es schon vor der Flüchtlingskrise gegeben. „Die Leute trauen sich nun vielleicht eher, solche Ansichten zu äußern.“

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