Politik : Weltkongress "Biotechnik": Gründerfieber im Genlabor (Kommentar)

Hartmut Wewetzer

Bill Clinton ließ es sich nicht nehmen, die weitgehende Entzifferung des menschlichen Erbguts gemeinsam mit den beiden führenden Genomforschern Craig Venter und Francis Collins im Weißen Haus zu feiern. Das wissenschaftliche Ergebnis wurde so zu einem Datum in der Geschichte der Menschheit. Diesseits des Atlantiks war es der britische Premierminister Tony Blair, der den - erheblichen - Beitrag Großbritanniens bei der Entzifferung des menschlichen Genoms gebührend hervorhob. Bundeskanzler Schröder dagegen ward nicht gesehen. Aber das wohl nicht, weil man der Englisch sprechenden Welt den Vortritt lassen wollte. Man hatte die Sache wohl falsch eingeschätzt. Erst Tage später teilte Forschungsstaatssekretär Catenhusen der Öffentlichkeit mit, dass es nun eine Geldspritze für die deutsche Genomforschung geben werde.

Beim Genom also sind die Deutschen zu spät gekommen. Über Jahre wurde die Erbgut-Entzifferung kaum zur Kenntnis genommen, jetzt wird dafür bezahlt. Denn die führenden Firmen auf diesem Gebiet sitzen allesamt in den USA und verkaufen ihr Wissen um die Erbinformation an die großen Pharmafirmen dieser Welt. Aber das Feld der Chancen in der Biotechnik ist noch weit. Denn erst jenseits der nackten biochemischen Buchstabenfolge beginnt die Zukunft der Biomedizin. In den nächsten Jahren und Jahrzehnten wird es darum gehen, die Botschaft der Gene zu verstehen und auf dieser Basis neue Medikamente zu entwickeln.

Deshalb ist es ein gutes Zeichen, dass Forschungsministerin Edelgard Bulmahn heute den Weltkongress für Biotechnik eröffnet. Auch die deutsche Politik erkennt allmählich das Zukunftspotenzial dieser Technik. Der Kongress ist ein selbstbewusstes Signal dafür, dass die Biotechnik-Flaute hier zu Lande vorbei ist. Immer wieder war beklagt worden, dass es an Geld für Firmengründer fehle, dass es keine Stellen für helle Köpfe gebe und dass das Meinungsklima zu feindselig sei. All das hat sich mittlerweile geändert: Die Aufholjagd hat begonnen.

Binnen weniger Jahre ist Deutschland zum Musterknaben der europäischen Biotechnik-Szene geworden. Alles läuft wie nach einem Handbuch für Technologieförderung. Da sind die "Ausgründungen", von Hochschulforschern ins Leben gerufene Firmen. Ihr Know-How schlägt sich in Arbeitsplätzen und Investitionen nieder. Von 1350 europäischen Biotechnik-Firmen sind 279 in Deutschland ansässig. Und plötzlich ist sogar Risikokapital da.

Der Weltkongress tagt nicht zufällig in Berlin. Denn die Stadt mischt unter den deutschen Biotechnik-Standorten ganz vorne mit. Gemeinsam mit dem Brandenburger Umland besitzt Berlin eine Vielzahl von Instituten, Hochschulen und Technologieparks. Trotzdem beklagen viele Wissenschaftler, dass der Senat zu zögerlich handelt und nicht genug tut, um Forscher und Firmen in Berlin zu halten. Der leuchtende Blick geht stets in Richtung Bayern. Dort, in Martinsried bei München, haben die Industrielenker aus der bayerischen Staatskanzlei ihr Biotechnik-Dorado errichtet. Dort wird schnell und unbürokratisch gehandelt, wenn es um die Ansiedlung junger Unternehmen geht. Die Preußen können also noch von den Bayern lernen - aber verstecken brauchen sie sich nicht mehr.

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