Politik : Weltreisender im Dienste der Kirche

Werner Raith

Der Papst besuchte fast 100 Länder und erschütterte so manches RegimeWerner Raith

Die Legenden um ihn sind bereits Legion, die Witze über ihn auch - der treffendste wohl der: Was ist der Unterschied zwischen Johannes Paul II. und dem lieben Gott? Der liebe Gott ist überall, und der Papst war schon überall. In die Geschichte eingehen wird Karol Wojtyla wahrscheinlich nicht als große theologische Gestalt, auch nicht als Erneuerer der Kirche, ein wenig mehr schon als erster Papst, der die monotheistischen Religionen einander wieder näher zu bringen versucht hat - und als derjenige, der mit einer oft geradezu manisch erscheinenden Hektik die ganze Welt bereist hat.

Und das keineswegs immer zur Freude derer, die er besuchen wollte: manche Regierungen winkten entsetzt ab, wenn er sich ankündigte, denn der geistliche Herr über fast eine Milliarde Katholiken reiste fast nie auf eigene Kosten, sondern überließ die Bezahlung der Rechnungen denjenigen, die er besuchte. Berühmt die Demonstration des Ärgers von Margret Thatcher, die die umgerechnet sieben Millionen Mark für den unwillkommenen Besuch fünf Jahre lang im britischen Haushaltsbudget abstottern ließ, um den Papst als Oberschnorrer im Gedächtnis zu halten.

An die hundert Reisen ins Ausland hat er unternommen (Vorgänger Pius XII: keine, Johannes XXIII.: eine, und auch Paul VI. fuhr gerade mal nach Israel, in die USA und nach Genf). Keinen Kontinent hat er ausgelassen, und in vielen Ländern hat er die Regierungen schwer erschüttert - sofern sie linksgerichtet oder kommunistische Diktaturen waren. Am massivsten war die Wirkung natürlich in seinem Polen, das als erster Dominostein der Ostblocks fiel; aber auch, zuletzt noch, fürchtete Kubas Fidel Castro um seine Macht, als der Heilige Vater ankam.

Kein Zweifel: dieser Papst, der am 18. Mai 1920 in Wadowice in Polen geboren wurde, zunächst Literatur und Theaterwissenschaft studierte der dann Priester wurde, 1964 die Weihe zum Erzbischof von Krakau, drei Jahre später die Ernennung zum Kardinal bekam und dann bereits zu Lebzeiten von Paul VI. zu den Kandidaten für den Stuhl Petri gehörte und der dann der erste nicht italienische Papst seit dem 16. Jahrhundert wurde - er war die geschickteste Antwort auf das Medienzeitalter, die seine katholische Kirche finden konnte. Ein Mann, der seine Botschaften mit allen Mitteln der Massenkommunikation überbringen kann, der selbst noch im hohen Alter, gezeichnet von der Parkinsonschen Krankheit, eine Aufsehen erregende Aktion nach der anderen realisiert, von der spektakulären Zelebration des Heiligen Jahrs über die häppchenweisen Entschuldigungen bei jenen, die einst von der Kirche malträtiert wurden, bis zur Enthüllung des "Dritten Geheimnisses von Fatima", das angeblich das dann 1981 auf ihn erfolgte Attentat geweissagt hatte.

Einfach ist er wirklich nicht zu interpretieren, dieser Karol Wojtyla: In seinen ersten Erklärungen 1978 - als er Nachfolger des überraschend schon 32 Tage nach seiner Wahl verstorbenen Johannes Paul I. wurde - hatte er den Eindruck erweckt, er wolle die Arbeit des von Johannes XXIII. einberufenen Vatikanischen Konzils weiterführen. Doch schon Anfang der 80er Jahre kam eine stark restaurative, teilweise reaktionäre Note in seine Theologie. Sie war bestimmt vom Chef der Glaubenskongregation, Joseph Ratzinger, von dem er bald völlig abhängig wurde. Immer weniger Gehör fanden die vorher noch einflußreichen Jesuiten und die Franziskaner - letztere fielen mit ihrer in Südamerika praktizierten "Kirche der Armen" regelrecht in Ungnade. Stattdessen setzte sich das nach Meinung vieler Beobachter auch mit allerlei autoritären Regimen verwobene Opus-Dei im Vatikan durch. Dogmatisch verschärfte Wojtyla immer mehr die ablehnende Haltung zur Geburtenkontrolle, zum Frauenpriestertum und zur Lockerung des Zölibats.

Zum Zusammenbruch der kommunistischen Systeme hat er viel beigetragen, etwa indem er über seine verdeckten Kanäle oppositionelle Bewegungen wie die Gewerkschaft "Solidarität" mit vielen Millionen Dollar von der CIA und aus dunklen italienischen Quellen versorgte. Doch dann erkannte Karol Wojtyla plötzlich, daß der Sieg der westlichen Wirtschaftsmacht die Welt keineswegs gebessert hatte. Nun setzte eine deutliche Wende seines Denkens ein: er geißelte den abendländischen Materialismus nahezu ebenso scharf wie vorher den Kommunismus, und in manchen Bereichen traf er sich gar mit der politischen Linken, etwa in Fragen der Menschenrechte, der Ablehnung des Krieges und der Todesstrafe. Sanft begann er dann sogar die ihm vordem so teure reine Mutter- oder Jungfrauenrolle der Frauen zurechtzurücken - ohne allerdings ihre volle Emanziaption zu wagen. Der Höhepunkt seines Pontifikats war der Oster-Besuch an den Heiligen Stätten Jerusalems, wo er, endlich, auch für die Mitschuld der katholischen Kirche am Holocaust um Verzeihung bat. Auch hierin ist er jedoch am Ende zwiespältig geblieben - just jenen Papst, der durch sein Schweigen so viel Schuld auf sich und die katholische Kirche geladen hat, Pius XII, diesen will Johannes Paul II. im September heilig sprechen. Wenn er dann noch im Amt ist. Denn es mehren sich die Zeichen dafür, dass Johannes Paul II. daran denkt, noch in diesem Jahr aus Gesundheitsgründen zurückzutreten.

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