Weltweite Krisen : Hunger, Cholera, Naturkatastrophen

Den schweren Krisen des zurückliegenden Jahres sind weltweit Millionen Menschen zum Opfer gefallen. Ein Überblick.

Jan Dirk Herbermann[Genf],Katja Reimann
Kongo
Auf der Flucht vor Gewalt. Hundertausende Kongolesen sind vor Auseinandersetzungen zwischen Regierungstruppen und Rebellen. Trotz...Foto: dpa

BerlinDie Cholera-Epidemie in Simbabwe, Hungersnot in Äthiopien und verheerende Folgen des Zyklons Nargis in Birma – für die Organisation Ärzte ohne Grenzen sind dies einige der schlimmsten Krisen des Jahres 2008. Seit elf Jahren veröffentlicht die private medizinische Nothilfeorganisation die Liste der zehn schwersten humanitären Krisen. Neben acht territorialen Krisen stehen auf der Liste auch die weltweit zunehmende Verbreitung der Koinfektion von HIV und Tuberkulose sowie die Mangelernährung bei Kindern.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass weltweit 178 Millionen Kinder an Mangelernährung leiden. Jährlich, so der Krisenbericht von Ärzte ohne Grenzen, sterben bis zu fünf Millionen Kinder unter fünf Jahren an Komplikationen, die im Zusammenhang mit Mangelernährung auftreten. Besonders betroffen sind Gebiete am Horn von Afrika, in der Sahelzone und im südlichen Asien. Jedes Jahr, so berichtet die Organisation zudem, erkrankten etwa neun Millionen Menschen an Tuberkulose, rund 1,7 Millionen stürben daran. Tuberkulose sei eine der Haupttodesursachen bei HIV-Infizierten – davon gebe es weltweit momentan 33 Millionen. Viel zu wenige der HIV-Infizierten würden allerdings auf Tuberkulose untersucht.

Somalia

Seit den jüngsten Gewaltausbrüchen in diesem Jahr haben sich die Lebensumstände der Somalier noch einmal verschlechtert. Besonders betroffen sind nach Angaben von Ärzte ohne Grenzen das Zentrum und der Süden des Landes. Die Kindersterblichkeit, auch bedingt durch Mangelernährung, sei hoch – jedes fünfte Kind sterbe noch vor seinem fünften Lebensjahr. Im Land bekämpfen sich Rebellen, Milizen, Truppen der Übergangsregierung und Soldaten aus Äthiopien. Seit dem Ausbruch der Gefechte im Dezember 2006 sind nach Schätzungen der Vereinten Nationen (UN) etwa eine Million Somalier im eigenen Land auf der Flucht. Der UN-Sicherheitsrat wagt es aber nicht, eine Friedenstruppe zu autorisieren – kaum eine Regierung will ihre Soldaten einem Himmelfahrtskommando opfern.

Myanmar (Birma)

Der Zyklon Nargis und seine verheerenden Folgen brachten Birma im Mai dieses Jahres in die internationalen Schlagzeilen. Bei dem Sturm, der das Irrawaddy-Delta zerstörte, kamen schätzungsweise rund 130 000 Menschen ums Leben. In Myanmar, das seit 1962 von einem Militärregime regiert wird, betrugen die staatlichen Gesundheitsausgaben nach Angaben von Ärzte ohne Grenzen 2007 nur 0,70 US-Dollar pro Person. Auch wenn mehr als eine halbe Million Menschen nach dem Zyklon mit Lebensmitteln, Trinkwasser und Unterkunft versorgt werden konnten, so bleiben andere medizinische Grundprobleme des Landes ungelöst. Tausende sterben jedes Jahr an Aids, Tuberkulose und Malaria.

Simbabwe

Seit Jahren schon steckt Simbabwe in einer Krise, doch 2008 verschlechterte sich die Situation im Land noch einmal rapide. Unter der Regierung des Präsidenten Robert Mugabe kletterte die Inflation zuletzt auf 231 Millionen Prozent, Oppositionsanhänger wurden verfolgt, im August 2008 brach zudem Cholera aus. Das Kinderhilfswerk Unicef berichtete Mitte Dezember, dass rund 18 400 Menschen an Cholera erkrankt, etwa 1000 bereits daran gestorben seien. Neun von zehn Provinzen im Land seien von der Krankheit betroffen. Nach Angaben der UN liegt die Lebenserwartung in Simbabwe bei nur noch 34 Jahren. Etwa drei Millionen Simbabwer flohen ins Nachbarland Südafrika.

Kongo

Trotz einer im Januar 2008 unterzeichneten Waffenstillstandsvereinbarung kam es in der ost-kongolesischen Provinz Nord-Kivu Ende August wieder zu heftigen Kämpfen. Hunderttausende Menschen sind seitdem auf der Flucht – viele zum wiederholten Mal. Die Flüchtlinge verstecken sich in Wäldern oder kommen in Lagern und bei Familien unter. Ihr Zugang zu medizinischer Versorgung ist schlecht. Viele von ihnen, so berichtet Ärzte ohne Grenzen, seien anfällig für einfach behandelbare Krankheiten wie Atemwegserkrankungen oder Durchfall. Durch nicht ausreichende Hygiene und verschmutztes Trinkwasser kam es in einigen Gebieten zum Ausbruch von Cholera. Auch im Kongo blieben die Vereinten Nationen machtlos: Trotz UN-Mandats konnte die Blauhelmtruppe Monuc die Bevölkerung nicht vor Vertreibung und Gewalt schützen.

Äthiopien

Gefangen zwischen Rebellengruppen und Truppen der Regierung sind die Menschen in der Somali-Region Äthiopiens mehr denn je von medizinischer Mindestversorgung und Hilfe ausgeschlossen. Grundnahrungsmittel sind unbezahlbar geworden, die größtenteils nomadische Bevölkerung musste mit ansehen, wie ihre Ernten und Vorräte, ihre Weideplätze und ihr Viehbestand durch den andauernden Konflikt und die Dürre zerstört wurden. Die Menschen hungern. Allein 1000 schwer mangelernährte Kinder wurden von Ärzte ohne Grenzen in der Stadt Wardher und in Degahbur seit Anfang Dezember behandelt.

Pakistan

An der afghanisch-pakistanischen Grenze haben die Kämpfe zwischen Regierungstruppen und regierungsfeindlichen Milizen 2008 zugenommen. Tausende Pakistani wurden in ihrem eigenen Land vertrieben oder flohen ins benachbarte Afghanistan, das US-Militär flog Luftangriffe. Hunderte von Menschen wurden im Laufe des Jahres in Pakistan zudem bei Selbstmordanschlägen, Angriffen und Schießereien getötet. Aus Angst vor gewalttätigen Übergriffen, so berichtet Ärzte ohne Grenzen, schlossen viele lokale Gesundheitszentren. Auch ein Krankenwagen der Ärzteorganisation sei bereits angegriffen worden.

Sudan

Die Folgen eines jahrzehntelangen Bürgerkrieges im Süden des Landes und der noch immer andauernde Konflikt in Darfur: Der Sudan war 2008 Schauplatz gleich zwei schwerer Krisen. Nach Angaben von Ärzte ohne Grenzen ist Darfur nach wie vor der größte humanitäre Hilfseinsatz, „mit mehr als 80 beteiligten Organisationen und 15.000 Mitarbeitern“. Trotzdem sind noch immer Hunderttausende von jeglicher Hilfe abgeschnitten.

Die Appelle des Weltsicherheitsrates verhallen dennoch ungehört: Der internationalen Friedenstruppe für Darfur fehlen noch immer rund 10.000 Soldaten und Polizisten, dabei hat der Sicherheitsrat die Mission vor anderthalb Jahren autorisiert. Auch Friedensgespräche kommen nicht voran. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon musste erst vor wenigen Tagen eingestehen, dass der Sonderbeauftragte der Uno und der Afrikanischen Union sich vergeblich um eine Annäherung der Konfliktparteien müht: „Er ist immer noch nicht in der Lage, den politischen Dialog zu starten“, sagte Ban.

Irak

Vier Millionen Menschen wurden nach Angaben der Vereinten Nationen bereits durch den Krieg im Irak vertrieben, zwei Millionen davon leben noch im eigenen Land. Ärzte ohne Grenzen berichtet, dass seit der von den USA angeführten Invasion im Jahr 2003 verschiedenste militärische und politische Akteure immer wieder versuchten, humanitäre Hilfe für politische Zwecke zu missbrauchen. Wegen der schlechten Sicherheitslage im Land sei es schwierig, Hilfe zu den Bedürftigen zu bringen. Die allgemeine Gesundheitsversorgung im Land sei „besorgniserregend“. Nach Angaben der Flüchtlingshilfe der Vereinten Nationen sind zudem vier Millionen Iraker abhängig von Lebensmittelhilfen. Bei Bombenanschlägen und Selbstmordattentaten sterben oder verletzen sich nach wie vor viele schwer.

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