Weltwirtschaftsforum in Davos : Das Bergfest

Die Euro-Rettung haben sie abgehakt, jetzt wäre das große Ganze dran. Doch beim Weltwirtschaftsforum gehen sie Widerspruch aus dem Weg. Dafür wird gefeiert, was das Zeug hält.

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Foto: Johannes Eisele / AFP
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Der Retter des Euro sitzt mit übergeschlagenen Beinen auf der Bühne der Kongresshalle von Davos, auf dem Schoß einen Stapel Papier. „2012 war, gelinde gesagt, ein interessantes Jahr“, sagt Mario Draghi und lächelt nicht einmal bei dieser extremen Untertreibung. Seine Europäische Zentralbank werde tun, was nötig ist, hatte er im Sommer erklärt und hinzugefügt: „Und glauben Sie mir, es wird genug sein.“ Vor allem dieser Zusatz hatte für Zuversicht an den Finanzmärkten gesorgt.

Vom Scheitern des Euro ist beim Weltwirtschaftsforum, das am Sonntag zu Ende geht, daher diesmal keine Rede mehr. Und es wird wieder gefeiert, was das Zeug hält. Allein das Grandhotel Belvedere hat 550 Flaschen Champagner kalt gestellt, und im Grischa-Hotel steigt „eine Party russischen Stils“, wie es in der Einladung heißt. Es werde „wirklich locker“ zugehen, mit dabei sei Leningrad, „eine der berühmtesten russischen Ska-Punk-Bands“.

Aber auch wenn die Euro-Rettung abgehakt ist, geht es trotzdem wieder um das große Ganze in Europa, dafür hat David Cameron schon vor der Anreise gesorgt. Seine Ankündigung eines Referendums, die implizite Austrittsdrohung stiftet Unsicherheit, vor allem aber hat er Prinzipien der gesamten EU infrage gestellt: Der britische Premier will Entscheidungsgewalt von Brüssel zurück nach London verlagern.

Auch in Davos hat David Cameron eine Rede gehalten, sich erklärt und dem Euro erneut eine Absage erteilt. „Wenn man eine gemeinsame Währung hat, bewegt man sich unaufhaltsam auf eine Bankenunion und Formen einer Fiskalunion zu, und das hat enorme Folgen für Länder wie Großbritannien, die nicht im Euro sind und offen gesagt wahrscheinlich nie beitreten werden.“ Die Nachrichtenagenturen kürzen den atemlosen Bandwurmsatz, eigentlich interessiert sie nur das Wörtchen „nie“.

Als Cameron das Rednerpult verlässt und sich auf offener Bühne Fragen aus dem Publikum stellt, sind seine Wangen gerötet. Er steht am vorderen Bühnenrand, ohne Moderator, ruft die Fragesteller selbst auf und hat nicht immer Glück dabei. Wieso er denn behaupte, alles für die Wirtschaft zu tun, wenn er das unkalkulierbare Risiko eines EU-Austritts eingehe und den Unternehmen auch noch mit Steuererhöhungen drohe, möchte eine Teilnehmerin wissen. Zustimmendes Raunen geht durch die Reihen, Cameron verzieht das Gesicht, fängt sich dann und kontert mit einem Satz, den er später vor Fernsehkameras immer wieder sagt: „Der riskanteste Weg von allen wäre, nichts zu tun.“

Dass er Europa nicht den Rücken zuwenden wolle: Auch das wiederholt er mehrfach. Und doch wird an einer Stelle deutlich, wie wenig er von der auf dem Festland viel beschworenen europäischen Integration hält. „Wenn Sie sagen, dass politische Union so etwas bedeutet wie ein Land namens Europa, stimme ich nicht zu“, ruft er. „Das wäre ein großer Fehler für Großbritannien und Europa.“

Es ist Mark Rutte, der den dazu gehörigen Fachbegriff reaktiviert: „Wir sollten eine Debatte über Subsidiarität führen“, sagt der niederländische Ministerpräsident, der ganz am Rande eines Podiums sitzt. Der 45-Jährige trägt eine braune Krawatte zum blauen Anzug, sein Englisch ist makellos, IWF-Chefin Christine Lagarde begrüßt ihn mit Küsschen links und rechts, und doch dringt er mit dem Stichwort nicht durch.

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