Politik : Wem der Keller droht

Kriegserlebnisse prägen Menschen ihr Leben lang

Andrea Barthélémy (dpa)

Hamburg . Die panischen Schreie der Erwachsenen haben sich fest ins Unterbewusstsein gebrannt: Als kleines Kind erlebte die heute 65-jährige Frau Nächte voller Todesangst im Luftschutzkeller. 60 Jahre später kann sie das Heulen von Krankenwagensirenen kaum ertragen, nicht in Keller, Straßenbahnen oder Fahrstühle steigen.

Kriegstraumata, wie sie auch den Menschen im Irak drohen, können das Leben der Betroffenen zerstörerisch prägen. „Wir behandeln jetzt noch Opfer aus dem Zweiten Weltkrieg“, berichtet der Bielefelder Traumaspezialist und Diplompsychologe Werner W. Wilk. Die Erfahrung lang anhaltender Todesangst in Kombination mit völliger Ohnmacht sei ohne therapeutische Hilfe oft nicht zu bewältigen und begleite viele Menschen ihr Leben lang.

Mehr noch als die Angst um das nackte Leben machen den meisten Betroffenen die Ungewissheit und das Gefühl des Ausgeliefertseins zu schaffen, weiß der Potsdamer Trauma-Experte Heiko Sill. „Jegliche Aktion, und sei es auch Aktionismus, ist deshalb in einer solchen Lage gut für die Psychohygiene. Es gilt: Wenn Muskeln bewegt werden, wird Stress abgebaut.“ Auch in diesem Sinne sei es sinnvoll, wenn Familien ihre Habe zusammenpackten und in die Berge flöhen. „Wer passiv in einem Keller sitzt, der wird stärker leiden“, sagt Sill. „Denn im Nachhinein stellen sich die Betroffenen die Frage: Was habe ich selbst dazu beigetragen, die Situation zu meistern?“ Studien zufolge erleidet nicht derjenige das schlimmste Kriegstrauma, dessen Leben objektiv am meisten bedroht war, sondern derjenige, der sich subjektiv am hilflosesten fühlte.

Zu den typischen Symptomen zählt nach Angaben Sills vor allem das unkontrollierte Wiedererinnern furchtbarer Bilder und Geräusche – wie Schreckgespenster tauchen Erinnerungsfetzen bei einem Knall wieder auf. Die Betroffenen würden empfindlich gegenüber allen Merkmalen der bedrohlichen Situation. Oft vermieden sie deshalb, bestimmte Räume oder Plätze zu betreten. Gerade jedoch das vollständige, strukturierte, chronologische Erinnern ist – im Gegensatz zum wilden Wuchern der Angsttraumfetzen – ein wichtiger Baustein zur Bewältigung.

Besonders Kinderpsychen leiden unter der Erfahrung, dass die geliebten Eltern und auch andere Erwachsene sie nicht zu schützen vermögen. Ein hohes Maß an Sicherheit und Schutz sei deshalb im Nachhinein nötig, um dieses Vertrauen wieder aufzubauen und die Selbstheilungskräfte der Kinder zu aktivieren.

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