Politik : Wem gehört die Geschichte der DDR? Ein alter Brief und neue Blockflöten-Töne

Matthias Schlegel

Berlin - Im Wahljahr 2009 wird nicht nur über Finanzordnung, Bildungs- oder Sozialpolitik heftig gestritten werden, sondern auch über jüngste deutsche Geschichte. Schließlich jähren sich dann nicht nur die Gründungstage von Bundesrepublik und DDR zum 60. Mal. Es wird auch der 20. Jahrestage von Mauerfall und friedlicher Revolution gedacht.

Die Linkspartei, die Rote-Socken-Kampagnen und Vorwürfe der Geschichtsvergessenheit selbstbewusst überlebt hat, will nun einmal mehr in die Offensive gehen: Mit einer offenen Debatte müsse sich die Linke der CDU entgegenstellen, die versuche, die Deutungshoheit über die DDR-Geschichte zu erlangen, forderte Thüringens Linksparteichef Knut Korschewsky am Wochenende auf dem Landesparteitag in Sömmerda. Sowohl Linkspartei als auch SPD hatten jüngst die CDU immer wieder mit ihrer Vergangenheit konfrontiert, indem sie auf die Vereinigung mit der DDR-Blockpartei im Jahr 1990 verwiesen, bei der sich die Union massenhaft systemtreue Ost-CDUler einverleibt habe. Sie kritisierten, dass in einem ausführlichen Papier der Bundes-CDU zur DDR-Vergangenheit die Ost-CDU nicht erwähnt wird.

Solche Vorwürfe scheinen nun neue Nahrung zu erhalten. In einigen Zeitungen tauchte zeitgleich ein zum Teil faksimiliert wiedergegebener Brief auf, den der heutige Thüringer Ministerpräsident Dieter Althaus ausgerechnet am 9. November 1989, dem Tag des Mauerfalls, in seiner Eigenschaft als damaliger stellvertretender Direktor der Oberschule in Geismar mit CDU-Parteibuch an den Bezirksausschuss für Jugendweihe geschrieben hat. Die Jugendweihe als Tradition der freireligiösen Vereinigungen solle „wieder den Inhalt einer marxistisch-leninistischen Weltanschauung haben“, wird aus dem Brief zitiert. Hinter den Reizworten aus dem gebräuchlichen Vokabular der DDR-Apparatschiks geht freilich in der heutigen Wiedergabe das eigentliche Anliegen des Schreibens ziemlich unter: Althaus setzt sich unverblümt dafür ein, die Jugendweihe aus der Schule zu verbannen. Christliche Schüler, insbesondere in einem erzkatholischen Raum wie dem Eichsfeld, seien nicht mehr gewillt, an der Jugendweihe teilzunehmen. Der wehrhaft staatsbekennende Charakter werde nicht mehr akzeptiert.

Legt man an das Schreiben eines CDU-Mannes in Staatsdiensten die damals gültigen Maßstäbe an, zeugt es durchaus von Courage. Es ordnet sich etwa ein in die kritische Intention des „Briefes aus Weimar“, mit dem Thüringer CDU-Mitglieder im Herbst 1989 den Sturz der alten Parteielite und die Reform der DDR-CDU auslösten. Althaus, der sich einst selbst der Jugendweihe verweigert hatte, griff mit der Forderung, die ideologisch besetzte Initiation aus der Schule zu verbannen, ein Grundanliegen der Kirchen auf. Es fand sich wenige Wochen später auch im ersten Protokoll des Runden Tisches in Berlin wieder.

Das Konzept für das Ost-Papier hatte übrigens die Thüringer Landtagspräsidentin Dagmar Schipanski der Bundes- CDU zugeliefert. Es soll nun um die Formulierung ergänzt werden, dass die CDU von der SED zwangsweise gleichgeschaltet wurde, gleichwohl im totalitären System der SED-Diktatur mitgewirkt habe.

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