Politik : Wen sich die Welt wünscht

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„Kerrisme“ nennen die französischen Medien das Phänomen: Fast alle Franzosen wünschen sich John Kerry als neuen USPräsidenten. Über 80 Prozent sehen in George W. Bush sogar eine große Gefahr für die Welt. „Bush, sein Irakkrieg sowie seine religiös gefärbte Schwarz-Weiß-Malerei machen den Franzosen Angst“, sagt der Meinungsforscher François Miquet-Marty. Staatspräsident Jacques Chirac machte seit Bushs Amtsantritt keinen Hehl daraus, dass ihm der „Haudegen aus Texas“ nicht gefällt. sah

Großbritannien: Auch die Briten wünschen sich mehrheitlich einen Sieg Kerrys. Der „Guardian“ griff mit seiner „Operation Clarke County“ sogar in den Wahlkampf ein: Über 11 000 Leser schlossen sich der Aktion an, per E-Mail in Kontakt mit unentschiedenen Wähler im angeblich wahlentscheidenden Bezirk in Ohio zu treten. Heftig wird spekuliert, was Premier Blair lieber wäre: Die Wiederwahl des Freundes oder ein Neuanfang mit Kerry. Natürlich ließ der Premier kein Wort verlauten. Bei einer Wahl in den USA, so Blairs ehemaliger Pressesprecher Alastair Campbell, sei es für einen britischen Premier am besten, auf dem Zaun sitzen zu bleiben. mth

Spanien: Den meisten Spaniern wäre Kerry ebenfalls lieber als Bush. Auch Spaniens sozialdemokratischer Regierungschef Zapatero würde frischen Wind in den USA bevorzugen, auch wenn er sich offiziell neutral gibt. Aber sein Verhältnis zu Bush ist seit dem spanischen Truppenabzug aus dem Irak zerrüttet. ze

Polen: Völlig anders als in Westeuropa sind die Sympathien in Polen verteilt. Trotz der Ernüchterung über die Irakmission würden 41 Prozent für Bush und nur 32 für Kerry stimmen. Den Polen gefalle ein Politiker mit härteren Standpunkten in der Weltpolitik besser als einer mit „weicheren“ Ansichten, erklärt der Soziologe Pawel Spiewak. Auch der sozialdemokratische Präsident Aleksander Kwasniewski kann seine Vorliebe für den Amtsinhaber nicht verhehlen. Warschau fürchtet bei einem Machtwechsel um die erst im Irak-Konflikt ergatterte Position als neuer Lieblingsverbündeter Washingtons auf dem alten Kontinent. tro

Russland: Eine Niederlage Bushs wäre gleichbedeutend mit einem Sieg der Terroristen, sagte Russlands Präsident Putin. Bereits zu Sowjetzeiten galt ein Republikaner als das kleinere Übel. Demokraten, so die Überzeugung, reagierten sensibler auf Menschenrechtsverletzungen und Demokratiedefizite. Clinton bewies, dass sich daran auch nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wenig geändert hat. win

Israel: Nirgends ist die Unterstützung für Bush so groß wie in Israel. Rund 70 Prozent der Israelis würden laut Meinungsumfragen Bush ihre Stimme geben. Ministerpräsident Scharon „vergaß“ bei seinem USA-Besuch die traditionelle Zurückhaltung israelischer Regierungen im US-Wahlkampf, suchte Bush im Weißen Haus auf und wehrte Kerrys Bitten um ein Treffen mit dem Hinweis auf einen übervollen Zeitplan ab. Bush hat mit dem Irakkrieg und seiner Nahostpolitik die Sympathien der Israelis gewonnen. cal

Arabische Welt: Der US-Wahl wurde in der arabischen Welt mit Zurückhaltung betrachtet. Viele Beobachter sehen keinen substanziellen Unterschied zwischen Bush und Kerry , was die Politik in der Region betrifft. Kerry hat deutlich gemacht, dass er fest hinter der israelischen Regierung stehen wird. Einige Kommentatoren in der arabischen Welt glauben aber, dass Kerry die Zusammenarbeit mit den Europäern verbessern wird und deren Nahostpolitik mehr Einfluss gewinnen könnte. Radikalere Stimmen fürchten, dass Bush im Falle einer Wiederwahl weitere arabische Länder angreifen wird. an

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