• Wende in Jugoslawien: "Das Volk hat genug gelitten" - Berliner Serben hoffen auf einen Sieg der Demokratie

Politik : Wende in Jugoslawien: "Das Volk hat genug gelitten" - Berliner Serben hoffen auf einen Sieg der Demokratie

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"Es ist sehr positiv, was geschehen ist", sagt der serbische Exil-Schriftsteller Bora Cosic mit müder Stimme. Bis spät in die Nacht lang haben er und seine Frau Lola Vlatkovic in ihrer Charlottenburger Wohnung am Fernsehen mitgefiebert, ob der Aufstand der Hunderttausenden in Belgrad friedlich verläuft. Das Belgrader Regime ist gestürzt, und die Jugoslawen in Berlin verfolgen die Ereignisse mit gemischten Gefühlen. Bei den nationalen Minderheiten, die bis Anfang der 90er Jahre in serbisch dominierten Gebieten gelebt haben, ist die Hoffnung auf einen Frieden zwischen den Völkern aber noch sehr schwach.

Bora Cosic, hofft, dass Ex-Präsident Slobodan Milosevic jetzt für seine Verbrechen zur Rechenschaft gezogen werde. "Für ihn darf es keine Kompromisslösung geben, er hat 300 000 Menschenleben auf dem Gewissen." Der gewählte Präsident Vojislav Kostunica, der gestern angekündigt hatte, Milosevic nicht an das Kriegsverbrechertribunal in Den Haag ausliefern zu wollen, könne "nur eine Übergangslösung" sein. Es sei fraglich, ob er die nötige politische Reife mitbringe, Jugoslawiens Probleme zu bewältigen. Belgrader Freunde, mit denen Cosic am Morgen telefonierte, seien "sehr begeistert". Endlich habe die Demokratiebewegung den großen Zulauf und den Erfolg, den sie brauche. Lola Vlatkovic mag trotzdem noch nicht an eine baldige Rückkehr aus dem Berliner Exil glauben. "Aber ich will es hoffen", sagt sie. Zur Not müssten sie und Cosic eben sehr alt werden, um eine wahre Demokratisierung Serbiens noch zu erleben.

Auch David Milovanovic, Geschäftsführer einer Berliner Diskothek, feiert den Fall des Milosevic-Regimes. Jetzt müsse die EU sofort alle Boykottmaßnahmen beenden und massive Wirtschaftshilfe leisten. "Das jugoslawische Volk hat genug gelitten", sagt Milovanovic. Die Serben sollten von der Welt wieder "als Volk und als Menschen" anerkannt und nicht länger verachtet werden. Der scharfe Nationalismus, der während der Kosovo-Krise auch unter Berliner Serben artikuliert wurde, sei vor allem eine Folge des NATO-Krieges gewesen. "Da kamen Emotionen hoch."

Im Süd-Ost-Europa Kulturzentrum haben sich Mitarbeiter zum Essen versammelt. Die Nachrichten aus Belgrad werden aufgeregt verfolgt, lösen aber kaum Hoffnung aus. Mevlija Mosorovic wurde in Belgrad geboren, als Muslimin. An eine Rückkehr werde wohl noch lange nicht zu denken sein, sagt sie. Die Mehrheit der Serben seien Nationalisten. Nicht zufällig hätten sie Kostunica gewählt und nicht die jungen Demokraten von der Bewegung "Otpor" (Widerstand). "Jugoslawien war mein Land", sagt Mevlija Mosorovic, "aber ist das leider unwiederbringlich."

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