Politik : Wende in Jugoslawien: In der Langeweile liegt die Kraft - Die neue Hoffnung der Serben

Vojislav Kostunica

Eine charismatische Aura umgibt ihn nicht. Ihm fehlt auch Esprit. Er sieht nicht aus wie ein Revolutionär, noch verhält er sich so. Vojislav Kostunica ist ein Kämpfer mit Krawatte. Bieder, aber hart: Der 56-Jährige hat bereits bewiesen, dass er Führungsqualitäten besitzt. Die zahlreichen Oppositionsbewegungen zu vereinen, zumindest vorerst, das ist sein bisher größtes Verdienst.

Kostunica verstellt sich nicht, und das stärkt ihn. Er hat mit Worten wie Langeweile und Durchschnittlichkeit Erfolg - genau das hat er seinen Landsleuten versprochen. Er werde das Land in die langweilige Normalität zurückführen, Jugoslawien solle ein durchschnittliches Land sein mit durchschnittlicher Wirtschaft und durchschnittlichen Beziehungen zu seinen Nachbarn.

Ein Biedermann statt eines Brandstifters? Einer, der an Serbien denkt, nicht unbedingt an Großserbien? Einer, der mit bescheidener Devise endlich westliche Devisen beschafft? Die Serben hoffen es, sie glauben es - sie haben ihn mit Mehrheit gewählt. Er kam ihnen integrer vor als die anderen Kandidaten.

Er ist auch ein Nationalist. Den Kampf der Kosovo-Serben gegen die Albaner hat Kostunica ebenso wie den Krieg der Serben in Bosnien-Herzegowina von 1991 bis 1995 befürwortet. Aber er war immer ein Gegner des Diktators Milosevic. Die Nato-Luftangriffe auf Jugoslawien im letzten Jahr bezeichnete Kostunica als "kriminellen Akt". Den USA hielt er vor, mit der Konfrontation zum Machterhalt Milosevics beigetragen zu haben. Aber er würde sich nicht auf eine Machtprobe mit ihnen einlassen.

Kostunica ist Verfassungsrechtler. Viele der internationalen Völkerrechtsexperten trauen ihm zu, das Land auf eine demokratische Grundordnung zu stellen. Die jetzige Verfassung ist die des Diktators Milosevic. Der Demokratisierungsprozess wird sich auch anhand der Verfassungsfrage zeigen.

Er verkörpert Hoffnung, wenn auch mit Zweifeln behaftet: Kostunica hat, nachdem er 1974 als Universitätsprofessor entlassen worden war, am Belgrader Institut für Sozialwissenschaften gearbeitet und sich für den Schutz von Menschenrechten eingesetzt. 1989 gehörte er zu den Mitbegründern der Demokratischen Partei. Aber drei Jahre später trat er aus, als die Partei den nationalen Kurs aufgab. Kostunica gründete die nationaldemokratische Serbische Demokratische Partei (DSS). Die von Milosevic betriebene Vertreibung nicht-serbischer Volksgruppen hat er nie gebilligt. Dazu sagte er einmal: "Ein Nationalist zu sein, bedeutet nicht, gegen andere Nationen zu sein."

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