Politik : Wende in Jugoslawien: Serbien nach dem Umsturz: Nach Europa - ohne ihn (Leitartikel)

Christoph von Marschall

Revolution als Volksfest. Diese Ausgelassenheit werden die Europäer nicht mehr oft miterleben. Ein Jahrzehnt nach dem Wendeherbst 1989 ist der Balkan diktaturfrei. Endlich öffnen sich den Serben die Chancen, die Balten, Ungarn und Bulgaren schon lange nutzen, aber die Verspätung werden sie so leicht nicht aufholen. Unweigerlich wird der Freiheitsrausch in Belgrad, Novi Sad und Nis bald in Ernüchterung umschlagen. Der Alltag der Demokratisierung, der wirtschaftliche Aufschwung ist mühselig. Das siegreiche Oppositionsbündnis wird zerfallen, die Helden der Wende werden sich politisch bekämpfen, nur so kann eine plurale Parteienlandschaft entstehen. Doch zunächst dürfen die Bürger die Euphorie auskosten; sie gibt Kraft für den schwierigen Neubeginn.

Doch halt: Was ist mit Slobodan Milosevic? Solange dieser Mann in Serbien lebt, bleibt die Wende gefährdet. Vojislav Kostunica hat zwar die Präsidentenwahl gewonnen, aber Milosevics Sozialisten die Parlamentsmehrheit. Trotz seines schweren Ansehensverlusts ist auf Teile des Netzes von Abhängigkeiten, in dem er Serbien dreizehn Jahre lang gefangen hielt, immer noch Verlass. Noch hat er nicht aufgegeben, ist nicht einmal aus Belgrad geflohen, sondern empfängt dort dreist den russischen Außenminister Iwanow: als das amtierende Staatsoberhaupt. Milosevic muss aus dem Weg - wenn schon nicht vors Kriegsverbrecher-Tribunal in Den Haag, dann ins Exil.

Kostunica und der Oppositionsstratege Zoran Djindic wissen um die latente Bedrohung. Wenn sie dennoch so reden, als könnten sie Milosevic wie einen politischen Faktor unter vielen dulden, hat das einen anderen Grund: Sie trauen sich nicht, ihn des Landes zu verweisen; sie fürchten den Unmut des Drittels der Gesellschaft, das eben noch für ihn gestimmt hat. Zudem sind sie selbst Teil des einen großen Konsenses der Nation: Kein Serbe wird an das Kriegsverbrecher-Tribunal ausgeliefert. Das hieße ja, serbische Schuld einzugestehen.

Da sollte man sich in der Begeisterung über Serbiens Selbstbefreiung nicht belügen: Auch die neuen Machthaber in Belgrad denken nationalistisch. Nicht unbedingt antiwestlich. Sie wissen, dass der Wiederaufbau des Landes nur mit dem Westen gelingen kann, seinem Know-how und der Finanzhilfe der EU. Weit verbreitet ist aber immer noch der Aberglaube an ein slawisches Bündnis mit Russland, obwohl es kaum noch eine realpolitische Grundlage hat. Bis auf eine: die Versorgung mit Gas und Öl.

Warum ist dann Iwanow der erste ausländische Besucher? Um Milosevic mitzunehmen? Das wäre zu schön, um wahr zu sein. Russland fürchtet, sein letztes Standbein auf dem Balkan zu verlieren, seinen strategischen Außenposten auf dem Weg zum Mittelmeer. Doch die Frage, warum Iwanow der Erste - und bislang Einzige - ist, der den Siegern der Geschichte persönlich gratuliert, muss auch der Westen beantworten. Wann reist Joschka Fischer, wann der Franzose Vedrine im Namen der EU-Ratspräsidentschaft, wann der "europäische Außenminister" Solana? Es geht um eine Region, für die Deutschland, für die Europa mit dem Stabilitätspakt die Verantwortung übernehmen wollte. Dort ist Europa wirklich noch eine Frage von Krieg oder Frieden. Die Aufhebung der Sanktionen, die Glückwünsche und Hilfszusagen per Telefon - das alles ist schön und gut. Die entscheidende Botschaft an das serbische Volk aber muss persönlich überbracht werden: Willkommen in Europa!

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