Wendejahr : Polen wünscht sich mehr Wir-Gefühl

Der Mauerfall im November 1989 war nicht Anfang, sondern Endpunkt einer Entwicklung, die ohne die Freiheitsbewegung in Osteuropa nicht möglich gewesen wäre. Doch ein EU-Video über die Wende blendet die Vorgeschichte aus.

Claudia von Salzen

BerlinDamit hatte der polnische Botschafter in Deutschland wohl nicht gerechnet. Kürzlich wurde Marek Prawda in einem Interview gefragt, welche Folgen der Mauerfall denn für sein Land gehabt habe. Diese Frage ist symptomatisch dafür, dass im Jubiläumsjahr 2009 ein entscheidender Teil der Geschichte an den Rand gedrängt zu werden droht: Der Fall der Mauer am 9. November 1989 war nicht der Anfang, sondern nur der Endpunkt einer Entwicklung, die ohne die Freiheitsbewegungen in Mittel- und Osteuropa nicht möglich gewesen wäre.

In Polen hatten die Gewerkschaft Solidarnosc und Kirchenvertreter dem kommunistischen Regime in mühsamen Gesprächen am Runden Tisch das Zugeständnis abgerungen, am 4. Juni 1989 halbwegs freie Wahlen abzuhalten. Die Kommunisten mussten den größten Teil ihrer Macht abgeben. Dieser Teil der Geschichte wird in einem Video der EU-Kommission zum Jubiläumsjahr 1989 fast völlig ausgeblendet. In dem zehn Sekunden langen Teil über Polen kommt Solidarnosc überhaupt nicht vor. Dafür ist General Jaruzelski bei der Ausrufung des Kriegsrechts 1981 zu sehen. Dann folgen Demonstrationsbilder, die nach Angaben aus Warschau nicht authentisch sind, sondern in den 90er Jahren nachgestellt wurden. Den größten Teil des Films nehmen Bilder vom Fall der Berliner Mauer ein.

"Künstlerische Vision"

Der polnische EU-Botschafter Jan Tombinski beschwerte sich Anfang der Woche in Brüssel und forderte Nachbesserungen an dem Video. Die EU-Kommission ließ erklären, es habe sich um eine „künstlerische Vision“ gehandelt und nicht um eine historische Dokumentation, versprach aber Korrekturen.

Ist das Problem damit also beigelegt? Der Streit um das Video zeigt, dass die Sorgen in Warschau, der polnische Anteil an den historischen Ereignissen könnte zu wenig Beachtung finden, nicht unberechtigt sind. Und auch in den vielen Festveranstaltungen in Deutschland in diesem Jahr spielen die osteuropäische Vorgeschichte des 9. November und die Oppositionsbewegungen in Deutschlands Nachbarstaaten praktisch keine Rolle.

„Es begann in Gdansk“, heißt es auf einem polnischen Plakat zum Jubiläumsjahr 1989 in Anspielung auf die Stadt, in der mit Solidarnosc die Proteste gegen das kommunistische Regime bereits 1980 ihren Anfang nahmen. Den Polen geht es in erster Linie gar nicht darum, ihren eigenen Beitrag in den Vordergrund zu stellen: „Wir wollen uns nicht an einem Wettlauf um die Pionierrolle beteiligen“, sagt Prawda. Polens Botschafter in Deutschland betont aber, es sei wichtig, die gegenseitigen Einflüsse wahrzunehmen – und gemeinsam zu feiern. „Wir wollen das Wir-Gefühl wiederaufleben lassen.“ Dieses Gemeinschaftsgefühl, die Erfahrungen und die Werte von damals sollten in die neue Zeit und in die EU hinübergerettet werden, fordert er. „Wir sind keine Schwarzfahrer in der EU. Wir haben mit dazu beigetragen, dass Europa heute so ist, wie es ist.“

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