Politik : Wendepunkt

Mit den Nato-Angriffen in Bosnien 1995 änderte sich auch für die Bundeswehr viel

Markus Bickel[Foca],Sven Lemkemeyer[Berlin]

Der bosnische Grenzbeamte Emir Lojo ist um schnelle Auskunft nicht verlegen. „Wann kam Karadzic das letzte Mal hier vorbei?“ – „Vorigen Mittwoch. Um Viertel nach zwei.“ Die Kollegen vom Zoll lachen vor ihren weißen Bürobarracken, auch der untersetzte kleine Mann in der Uniform der bosnischen Grenzpolizei grinst über die erfundene Antwort.

Bosnisch-montenegrinischer Grenzübergang Hum, eine Hand voll deutscher Soldaten der Schutztruppe Eufor schaut dem Treiben der Grenzer zu. 1995, als Nato-Flieger zum ersten Kampfeinsatz in der Geschichte des westlichen Militärbündnisses aufstiegen, war dieses Gebiet fest in den Händen der Truppen Radovan Karadzics. Dass der eng mit der organisierten Kriminalität verwobene Expräsident der bosnisch-serbischen Republika Srpska seit seinem Untertauchen 1997 zwischen Montenegro und Bosnien-Herzegowina pendelt, ist offenes Geheimnis.

Die Luftschläge gegen die serbischen Stellungen in Bosnien, die am 30. August 1995 begannen, markierten nicht nur einen Wendepunkt im Bosnienkrieg, es begann auch eine neue Ära für die Nato – und die Bundeswehr. Mehr als drei Jahre hatte der Westen dem Morden und Brandschatzen im zerfallenden Jugoslawien zugeschaut, war von den Kriegsherren immer wieder an der Nase herumgeführt worden, und auch für die UN kam es in dieser Zeit zu einem ihrer unrühmlichsten Einsätze: UN-Blauhelme konnten das Massaker von Srebrenica mit mehr als 8000 Toten nicht verhindern. Dann griffen die bosnischen Serben die UN-Schutzzone Sarajevo an. Viele Zivilisten starben – und der Westen handelte. Die Nato startete ihren ersten Einsatz „Out of Area“, ihre erste Friedensmission außerhalb des Territoriums der Bündnispartner. Allerdings: Viel zu spät, wie auch Außenminister Joschka Fischer, damals Fraktionsvorsitzender der Grünen, später einräumt. Hunderttausende hätten gerettet werden können, wenn der Westen früher agiert hätte.

Zwölf Tage dauerten die Luftschläge der Nato. Die Bomben zerstörten große Teile der serbischen Kriegsmaschinerie, muslimische und kroatische Truppen machten Boden gut. Unter dem Druck der Bomben und der US-Diplomatie begannen Friedensverhandlungen, aus denen Ende 1995 das Abkommen von Dayton resultierte. Die Nato rückte mit der 60000 Mann starken Friedenstruppe Ifor in Bosnien-Herzegowina ein. Später wurde aus ihr die Sfor. Für die Angriffe 1995 hatte die Bundeswehr 14 Tornados gestellt, die aber nicht eingesetzt wurden. An Ifor beteiligte sich Deutschland mit 4000 Mann. Es war der bisher größte und gefährlichste Auslandseinsatz. Bis heute sind dabei 15 Bundeswehrsoldaten ums Leben gekommen – alle bei Unfällen.

Heute sind 1000 deutsche Soldaten an der noch 7000 Mann starken Schutztruppe beteiligt, deren Kommando Ende 2004 die EU übernahm. Die Bundeswehr stellt damit das größte Kontigent der Eufor in der knapp vier Millionen Einwohner zählenden Nachkriegsrepublik. Der Alltag und die Hauptaufgabe der meisten deutschen Eufor-Soldaten: Besuch von Rückkehrergebieten, Hilfe und logistische Unterstützung beim Wiederaufbau sowie bei Problemen mit Behörden. „Wir suchen die Gespräche, wir halten uns in der Öffentlichkeit auf“, beschreibt Robert Rühfel das Konzept. Aber eben auch, in regelmäßigen Abständen, Kontrollen wie in Hum. Operatives Ziel: Parallelstrukturen, die mutmaßliche Kriegsverbrecher wie Karadzic schützen und gleichzeitig die Fäden im florierenden Geschäft mit Frauen, Waffen und Drogen ziehen, sollen aufgebrochen werden. „Und Drogen“, sagt der Grenzbeamte Lojo, „sind für uns das größte Problem.“

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