Politik : Wenig Schlaf und lange Reisen

Danuta Hübner soll Polens erste EU-Kommissarin werden

Thomas Roser[Warschau]

An der fachlichen Eignung von Polens Kandidatin für die EU-Kommission wagt selbst die heimische Opposition nicht zu zweifeln. Danuta Hübner sei „zu europäisch und zu wenig polnisch“, mäkelt indes der rechtsliberale Oppositionschef Donald Tusk – und stellt der 55-jährigen Wirtschaftsministerin damit ungewollt das wohl beste Eignungszeugnis für ihren künftigen Job in der neuen EU-Kommission aus. Polens parteilose Europaministerin selbst verfolgt die Diskussion um ihre Nominierung eher gelassen. Sie pflege die Aufgaben zu erfüllen, die ihr das Los zuteile, hat sie einmal in einem Interview bekannt.

Um die eigenen Pfründe hat sich die zierliche Akademikerin noch nie gekümmert, bei Polens Beitrittsverhandlungen mit der EU umso hartnäckiger die Interessen ihres Landes zu Gehör gebracht. Fachkundig, effektiv und arbeitsam sind die Attribute, die Polens charmanter Europa-Diplomatin in Warschau und Brüssel bescheinigt werden. Für polnische Verhältnisse sei ihre „glitzernde Karriere“ angesichts des Mangels an persönlichen Ambitionen und ohne Partei-Unterstützung „phänomenal“, staunt die Wochenzeitschrift „Polityka“: „Danuta Hübner isst wenig, sie schläft wenig, sie reist viel und arbeitet noch mehr. Die Frau, die Polen in die EU führte, hat keine Sekunde zu verlieren.“ Tatsächlich hat die Mutter zweier Töchter ihre erstaunliche Laufbahn vor allem sich selbst zu verdanken. In Jugendjahren war sie zwar kurzzeitig Mitglied in der sozialistischen Arbeiterpartei. Doch danach hat sich die an der Warschauer Wirtschaftshochschule studierte Wissenschaftlerin, die sich auch als Ministerin eher als Akademikerin denn als Politikerin versteht, den Fallstricken der heimischen Parteienpolitik stets konsequent versagt.

Nationalistische Gegner in ihrer Heimat pflegen die mit in- und ausländischen Auszeichnungen dekorierte Hübner als „Technokratin“ zu schmähen, Freunde umschreiben sie im persönlichen Umgang als sehr warmherzig. Kaum jemand verstehe Polen im Westen so modern wie sie zu vertreten, würdigt sie der frühere Botschafter in Deutschland, Janusz Reiter. Ausfallend giftig kann die Vollbluteuropäerin mit den gepflegten Umgangsformen allerdings gegenüber heimischen EU-Gegnern werden. Roman Giertych, dem Chef der rechtsklerikalen Liga der polnischen Familien, empfahl sie bei einer Radio-Diskussion gar die Emigration aus Polen, sollte es ihm in der EU nicht gefallen.

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