Politik : Wenige Worte, große Gesten

Der spanische Autor und KZ-Überlebende Jorge Semprun spricht zum Holocaust-Gedenktag im Bundestag – er lobt die deutsche Aufarbeitung und schweigt zum Irak

Hans Monath

Es war eine kleine Geste, die viel verriet über die Wirkung einer großen Rede auf ihre Adressaten. Gerhard Schröder neigt bekanntlich nicht dazu, bei wichtigen Terminen fremde Menschen an seine Brust zu drücken. Doch in diesem Moment am Montagnachmittag im Plenum des Bundestags tritt der Kanzler auf den spanischen Schriftsteller Jorge Semprun zu, fasst dessen Hand und umarmt dann kurz den weißhaarigen Mann, der vor dem Parlament gerade die Ansprache zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus gehalten hat.

Wenn die Umarmung ein Ausdruck von Dankbarkeit oder Rührung war, dann gab sie wohl die Emotionen vieler Abgeordneter gegenüber dem 79-jährigen KZ-Überlebenden und Autor wider. Denn selten ist eine Mahnung zur Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus mit mehr Achtung vor der deutschen Kultur und mit mehr Vertrauensvorschuss in die Zukunft deutscher Politik formuliert worden als von dem ehemaligen spanischen Kulturminister. Der weltbekannte Autor, der als Angehöriger der Kommunistischen Partei das KZ Buchenwald überlebte, schöpfte sein Leben lang mehr Kraft aus der deutschen Sprache und Kultur, als es wohl die meisten Deutschen tun. Er fühle sich „weder als Fremder noch als Ausländer im Raum Ihrer Geschichte, Ihrer Phantasie, Ihrer Träume und Wünsche“, sagt er den Abgeordneten. „Seit der Jugend haben Ihre Dichter und Ihre Philosophen mein Denken und mein Gedächtnis bereichert.“

Sehr still ist es im Saal, als Semprun schildert, wie noch unter den brutalsten Demütigungen der SS-Schergen im Konzentrationslager die deutsche Sprache ihm „eine Quelle der Energie und Hoffnung“ gewesen sei. Auf den Abgeordnetenbänken, wo gewöhnlich Unterlagen studiert und Zeitungsseiten gelesen werden, liegt nur das Programmheft, als der Schriftsteller in gewähltem Deutsch mit ganz leicht rollenden spanischen Anklängen die Tage nach der Befreiung des Lagers auf dem Ettersberg bei Weimar schildert. Damals erinnerte ein US-Besatzungsoffizier, der als Jude hatte emigrieren müssen, die Zivilbevölkerung der Stadt angesichts der Leichenberge an die Verantwortung, die sie weit von sich weisen wollte: Ihr hättet es wissen können.

Eine ganz besondere Rolle weist Semprun den Deutschen bei der EU-Erweiterung zu: Die Verantwortung des Landes wachse vor dieser Herausforderung, denn Deutschland sei das einzige Land Westeuropas, das ebenso wie die künftigen osteuropäischen EU-Mitglieder „die Erfahrung beider Totalitarismen“ gemacht habe. Er hoffe, dass die Bundesrepublik diese Rolle in der europäischen Zukunft spielen werde, sagt Semprun. Sie wäre jedoch „unvorstellbar ohne die kritischen Bemühungen mehrerer deutscher Generationen, die Vergangenheit aufzuklären“ und „mit wachem Verstand zu akzeptieren“. Die „luzide Trauerarbeit“, lobt der Autor, sei möglicherweise die Voraussetzung dafür gewesen, dass die Deutschen nach 1945 überhaupt wieder ein Nationalbewusstsein hätten aufbauen können.

Keinen einzigen Satz verliert der Redner allerdings über das Thema, das die Deutschen gegenwärtig am meisten beunruhigt – über den Irak-Krieg. Paul Spiegel hatte aus der Erfahrung des Nationalsozialismus die kategorische Nein-Haltung der Bundesregierung kritisiert. Semprun aber leitet aus der Geschichte keine Nutzanwendung für den Kampf gegen die Diktatoren von heute ab. Vielleicht ist der Bundeskanzler ihm auch deshalb am Ende so dankbar.

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