Politik : Weniger Arbeit, mehr Stress

Die Menschen haben viel mehr Freizeit als vor dreißig Jahren, sagen Forscher. Doch wirklich freier sind sie deshalb noch nicht

Paul Janositz

Diesmal liefert das Statistische Bundesamt eine richtig gute Nachricht: Die Arbeitszeit ist kürzer geworden. Im Vergleich zu 1970 arbeitet ein Erwerbstätiger rund ein Viertel weniger. Das sind 500 Stunden im Jahr, und nimmt man acht Stunden für einen Arbeitstag, so kommen 64 Tage raus, die wir mittlerweile weniger arbeiten müssen als die abhängig Beschäftigten vor drei Jahrzehnten.

Mehr Urlaub und ständige Arbeitszeitverkürzung haben die Gewerkschaften erkämpft. Der Fortschritt ist auch der Wirtschaft zu verdanken, die die Produktivität steigerte, durch Rationalisierung und teilweise gegen den Widerstand von Arbeitnehmern, die um ihren Job fürchteten.

Doch der Fortschritt hat auch seinen Preis. Die Ansprüche am Arbeitsplatz sind gestiegen. „Das muss man differenziert sehen“, sagt Viktor Steiner, Arbeitsmarktexperte am Deutschen Institut für Wirtschaft (DIW). In der Automobilindustrie beispielsweise seien die Arbeitsabläufe sehr komplex geworden. Was früher ein ganzes Team beschäftigte, muss heute ein einzelner Facharbeiter per Computer und automatischer Steuerung hinkriegen.

Andererseits sieht der DIW-Professor in Bereichen der Verwaltung kaum zusätzliche Belastungen. Hier ist mehr Freizeit ein echtes Geschenk, wenn es richtig genutzt wird. Freizeit bedeutet nämlich nicht, dass man einfach machen kann, was man will. „Den Besuch von Tante Erna, den man gar nicht will“, nennt Ulrich Reinhardt vom BAT Freizeit-Forschungsinstitut in Hamburg als Beispiel. Wirklich frei ist der Mensch demnach nur in der Zeit, in der er machen kann, was er will. Doch auch dann lauert Stress. Es gibt zu viele Angebote, sich zu zerstreuen oder zu ertüchtigen.

Und so sehnt sich mancher Freizeitaktivist nach alten Zeiten zurück, als es sonntags auch mal langweilig sein durfte. Ein Kinobesuch vielleicht, ein Spaziergang, abends die große ARD-Fernsehschau. Die Sehnsucht nach früher gibt es übrigens auch am Arbeitsplatz. „Arbeiten wie die Eltern“, das wünschen sich nach den Erkenntnissen der Freizeitforscher rund 70 Prozent aller Berufstätigen. Drei von vier Befragten möchten demnach „fest angestellt sein und einen geregelten Feierabend haben“. Wenn das mit mehr Arbeitszeit gekoppelt ist, dann könnte das auch den Arbeitslosen nützen. „Natürlich nur, wenn der Lohn gleich bleibt“, sagt Steiner. Auszuhalten wäre es schon, das haben die Eltern bewiesen. Und heute zeigen es die Amerikaner. Ihre Arbeitszeit ist etwa 30 Prozent länger, in dieser Hinsicht sind sie auf unserem Stand von vor 30 Jahren.

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