Politik : Wenn Bildung weder lieb noch teuer ist (Leitartikel)

Uwe Schlicht

Eltern und Schüler sind in den letzten Jahren auf die Straße gegangen und haben für besseren Unterricht, die Einstellung jüngerer Lehrer und schnelle Schulreformen demonstriert. Recht haben sie. Die Landespolitiker aller Parteien, sofern sie an der Regierung sind, fürchten inzwischen die Wahlkämpfe, weil Bildungsthemen wieder Stimmung machen und Stimmen einbringen oder kosten. Mehr Computer in die Schulen, weniger Unterrichtsausfall - hinter diesen Forderungen steht die Sorge, wie die Zukunft der Jugendlichen in einer Zeit der allgemeinen Verunsicherung aussehen wird. Als Arbeitslose oder Unterlegene in den Zeiten globaler Konkurrenz um die Stellen wollen die Deutschen ihre Jugend nicht sehen.

Es herrscht eine Haushaltsnot, und es rächen sich Fehlentscheidungen in vergangenen Legislaturperioden, als noch mehr Geld vorhanden war, aber dennoch die Prioritäten nicht richtig gesetzt wurden. Heute kommt alles zusammen: mehr Geld für die Einstellung junger Lehrer, mehr Geld für die Computerausstattung, mehr Geld für den Ausbau der Fachhochschulen, mehr Geld für die Sanierung der Universitäten im Osten. Und es fehlt an allen Ecken und Enden in der an sich reichen Bundesrepublik.

Man muss nicht erst den jüngsten Bericht der OECD heranziehen, um zu erfahren, welche positiven und welche Schattenseiten Deutschland im internationalen Vergleich zu bieten hat. Reformen können vieles verbessern, aber keine Lücken ausgleichen, die nur mit Geld zu schließen sind. Da forderten Wissenschaftsrat und führende Politiker seit über zehn Jahren den verstärkten Ausbau der Fachhochschulen. Warum? Weil dort das Studienziel in acht oder neun Semestern erreicht wird und nicht wie an den überfüllten Universitäten nach 14 Semestern. Die Fachhochschulen bilden die Jugend stärker für die Bedürfnisse der Praxis aus und stopfen nicht wie die Universitäten ihre Studenten als künftige Wissenschaftler mit Ballast voll. Das wäre schon vor zehn Jahren die moderne Antwort auf die Tatsache gewesen, dass nicht mehr nur fünf Prozent eines Jahrganges studieren, sondern 28 bis 30 Prozent. Deutsche Akademiker wollten das nie akzeptieren, obwohl der OECD-Vergleich erneut belegt, dass international 40 Prozent eines Altersjahrganges studieren und dass die am besten Ausgebildeten am wenigsten von der Arbeitslosigkeit betroffen sind.

Aber statt die Fachhochschulen, wie gefordert, für 40 Prozent der Studienanfänger auszubauen, gelang das nur für 29 Prozent der Erstsemester - in Berlin ist noch nicht einmal dieser Durchschnittswert erreicht worden. Das Geld für den Ausbau wurde nicht bereitgestellt - auch deswegen, weil die Bundesregierung unter Kohl im Hochschulbau mauerte.

Jetzt wird ein neuer Anlauf mit einer Radikalreform versucht: der Bachelor für die Massen und der Master für die Elite. Nach drei Jahren der erste Start in den Beruf, nach zwei weiteren Jahren die Hochqualifikation für Führungsaufgaben im Masterstudium. Aber noch ist es ungewiss, ob die Universitäten diese Reform nur widerwillig vollziehen oder als die zeitgemäße Antwort bereitwillig umsetzen wollen.

Die Unterfinanzierung der Hochschulen, vom Wissenschaftsrat mit jährlich acht Milliarden Mark beziffert, sagt einiges über die Schattenseiten deutscher Bildungspolitik. Und die jahrelange Diskussion über die Schulreform hat auch noch keine auffallenden Veränderungen gebracht. In Deutschland wird zuviel geredet - zum Beispiel über einen besseren Unterricht in Mathematik und Naturwissenschaften -, aber zu wenig oder zu spät gehandelt.

Es reicht eben nicht aus, Prioritäten wortreich im Wahlkampf oder Regierungserklärungen zu formulieren und sie anschließend finanziell nicht zu unterfüttern. Das frustriert und macht Reformforderungen unglaubwürdig. Schon immer haben Reformen Ideen, Mut, konsequente Umsetzung, aber auch Geld erfordert. Fehlt es an nur einem Element, bleibt alles Stückwerk.

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