Politik : Wenn der Job nicht lohnt

Familien stehen mit einem Alleinverdiener bisweilen besser da, als wenn beide Eltern arbeiten gehen

Antje Sirleschtov

Berlin - Die meisten Familien kennen das gut: Der Nachwuchs ist zwei oder drei Jahre alt und die Mutter, bisher in der Regel zu Hause, will arbeiten gehen. Dann stellt sich für die Familie die Frage: Lohnt sich das überhaupt? Die Antwort des Berliner Forschungsinstituts DIW ist simpel: Es lohnt sich – rein finanziell betrachtet – kaum. „Die Arbeitsanreize für eine verheiratete Mutter mit Kind“, sagt DIW-Wissenschaftlerin Katharina Wrohlich, „sind sehr klein.“ Denn von dem Geld, das sie verdient, bleibt in aller Regel so wenig übrig, dass sich Familien gegen eine Berufstätigkeit beider Eltern entscheiden.

Die Ursachen dafür sind vielfältig. Zum einen sichert die gemeinsame steuerliche Veranlagung beider Eltern - das Ehegattensplitting - der Familie eine jährliche Steuerrückerstattung, die mit jedem Euro, den die Mutter dazuverdient, kleiner wird. Je mehr der Familienvater allein verdient, umso größer ist diese Steuerrückerstattung, und damit das Netto-Einkommen, das die Mutter erst einmal verdienen muss, um das gemeinsame Netto-Budget der Familie durch ihre Arbeit zu erhöhen. Zum anderen wiegen die Sozialabgaben schwer. Mütter, die nicht arbeiten, zahlen weder für Krankenversicherung noch für Renten- oder Arbeitslosenversicherung Beiträge. Allerdings schon, sobald sie 420 Euro im Monat verdienen. Dann werden Steuern fällig und Abgaben.

Genau in diesem Bereich – kleiner Job mit zehn Stunden Arbeit pro Woche – ist die Berufstätigkeit der Mutter denn auch am wenigsten attraktiv. Das DIW hat das für eine Durchschnittsfamilie mit einem Kind berechnet. Verdient der Vater für 40 Stunden Arbeit pro Woche 2400 Euro brutto und die Mutter für 10 Wochenstunden 480 Euro, haben beide zusammen am Monatsende netto gut 100 Euro weniger Geld in der Tasche, als wenn die Mutter zu Hause bliebe. Der Grund dafür liegt nicht nur im deutschen Steuer- und Abgabensystem. Auch die hohen Kinderbetreuungskosten, die die Familie zu tragen hat, schlagen negativ aufs Nettobudget der Familie. Zusätzliche Anschaffungskosten, wie ein zweites Auto oder eine Monatskarte für den Nahverkehr, sind noch gar nicht berücksichtigt.

Mit zwei kleinen Kindern sieht die Rechnung noch schlechter aus. Und am allerschlimmsten trifft es diejenigen, die dort wohnen, wo die Infrastruktur für Kinderbetreuung schlecht ausgebaut ist. Denn dort müssen Familien für Babysitter oder andere Privatbetreuung mehr Geld ausgeben. Arbeitet eine Mutter 20 Wochenstunden, errechnet das DIW, ist die Netto-Bilanz der Familie immer noch negativ. Erst bei einer 40-Stunden Vollzeitstelle bleibt netto mehr übrig. Aber auch nur rund 14 Prozent. Viel besser stellt sich eine Familie finanziell nur, wenn beide Eltern Akademiker mit höherem Einkommen sind, die Mutter nach der Babypause gleich wieder Vollzeit in die Arbeit einsteigt und am besten noch eine Oma bei der Kinderbetreuung aushilft.

Die frühere Familienministerin Renate Schmidt (SPD) fordert daher, die CSU- Pläne eines Betreuungsgeldes für zu Hause erziehende Mütter einzustampfen. „Wir müssen die Hürden für den Berufseinstieg von Frauen senken und nicht größere Hürden aufbauen“, sagt Schmidt. Außerdem mahnt sie zur Reform des Ehegattensplittings. Dessen Auswirkungen seien „unerträglich“ und „nicht mehr zeitgemäß“. „Wir geben 19 Milliarden Euro für die Alleinverdienerfamilie aus – damit muss Schluss sein“, sagt sie und wirft der Union vor, den Umbau gegen die Mehrheit im Bundestag zu blockieren. „Alle Fraktionen haben sich für eine Reform des Splittings ausgesprochen.“ Nun müsse Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) handeln. Die Union will davon nichts hören: „Wir bleiben beim Ehegattensplitting“, sagt Fraktionsvize Ilse Falk (CDU). Selbst die Umwandlung zum Familiensplitting, wie es von der Leyen angekündigt hat, sieht Falk skeptisch: „Wenn die Familienministerin ein Konzept vorgelegt hat, werden wir es prüfen.“

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