Politik : Wenn der Tag sechs Stunden hat

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Von Andrea Nüsse, Ramallah

Ab 15 Uhr 10 Uhr gleicht Ramallah einer Geisterstadt. 700 000 Palästinenser stehen unter Ausgangssperre – sie wird nur unregelmäßig für einige Stunden aufgehoben. Rana Kawar ruft meist ihren Bäcker an, wenn sie wissen will, ob sie heute zur Arbeit gehen kann. Die 28-jährige Palästinenserin aus Ramallah arbeitet zwar nicht in der Bäckerei: Sie betreut die Rezeption des Hotels Royal Court Palace, das gegenüber dem Gemeindeamt liegt. Aber ihr Bäcker weiß immer als einer der ersten, ob die seit über drei Wochen verhängte Ausgangssperre an diesem Tag für einige Stunden aufgehoben wird. Denn er hört morgens um 6 Uhr 30 die israelischen Nachrichten, in denen in der Regel angekündigt wird, was die Besatzungsarmee für den Tag plant. Der Bäcker muss rechtzeitig wissen, ob er Brot backen soll oder nicht. Am Donnerstag hat Rana Glück: Von 9 bis 15 Uhr ist Ramallah „offen".

Amina Hiwar hat eine andere Technik entwickelt. Sie arbeitet in der Verwaltung der palästinensischen medizinischen Hilfsdienste und lebt im Stadtzentrum. „Ich schaue morgens immer als Erstes aus dem Fenster. Wenn ich die ersten Taxis und Autos auf der Straße sehe, weiß ich, dass ich heute zur Arbeit gehen kann.“ Am Donnerstag um 9 Uhr 30 haben in Ramallah alle Geschäfte geöffnet, die Straßenhändler haben ihre Stände mit Birnen, Schuhen und billigen Feuerzeugen aufgebaut. Die Taxis und Minibusse verstopfen die Straßen um den zentralen Manar-Platz, und auf den Bürgersteigen drängeln sich die Menschen. „Wir gehen fast alle vor der Arbeit noch einkaufen, sicher ist sicher. Wer weiß, ob die Ausgangssperre wirklich bis 15 Uhr aufgehoben bleibt“, erklärt Amina.

Sie spricht aus Erfahrung. So verbreiten sich auch am Donnerstag gegen 11 Uhr die ersten Gerüchte, dass bereits ab 13 Uhr kein Palästinenser mehr auf die Straße gehen darf. „Ich habe gerade eine Nachricht bekommen“, erklärt ein Offizier der Sicherheitsdienste, der im Cafe „Kan Bata“ sitzt. In den palästinensischen Fernsehnachrichten ist allerdings immer noch von 15 Uhr die Rede. Ein Taxifahrer ruft im Vorbeifahren einem Obsthändler fragend zu : „Bis 13 oder bis 15 Uhr?“ Aber der junge Mann mit den Weintrauben hat auch keine Antwort.

Dabei kann die Information lebensrettend sein: Wegen Missverständnissen über die genauen Zeiten der Ausgangssperre sind bereits mehrere Palästinenser, darunter Kinder, erschossen worden. So leeren sich ab halb eins die Straßen. Autos rasen plötzlich durch enge Nebenstraßen, eine Mutter zerrt ihre beiden Kinder am Arm. Als alles Zureden, schneller zu laufen, nichts hilft, sagt sie das Zauberwort: „al jesch al israeli jayy“, die israelische Armee kommt. Das wirkt.

Um kurz vor 15 Uhr werden auch in der Jaffa-Straße die letzten metallenen Ladentüren verriegelt. Wenige Minuten später gleicht Ramallah an diesem Donnerstag einer Geisterstadt. Die Straßen liegen ausgestorben, nur Abfallberge erinnern daran, dass hier bis vor wenigen Minuten noch eingekauft, Haare geschnitten und Kaffee getrunken wurde. Ein israelischer Panzer rattert durch die menschenleere Straße. Über Lautsprecher erinnern die Soldaten auf Arabisch daran, dass kein Palästinenser mehr sein Haus verlassen darf. Der Tank walzt einige Obstkisten nieder, die wohl mehr als ein symbolisches Hindernis für die Armee auf der Straße aufgestapelt wurden.

Denn bewaffneten Widerstand gibt es schon lange nicht mehr in Ramallah. Ebensowenig wie in den meisten anderen Palästinenserstädten, die am 19. Juni von Israel wiederbesetzt wurden. Dennoch stehen mehr als 700 000 Palästinenser unter Ausgangssperre. In Nablus wurde sie seither nur wenige Male für einige Stunden aufgehoben, teilweise sind die Menschen fünf Tage hintereinander ununterbrochen eingesperrt. In Kalkilia und Tulkarem immerhin wurde die Ausgangssperre aufgehoben.

Doch ein Ende der Besetzung ist nicht in Sicht: Noch bis zu einem halben Jahr will die Armee nach Informationen der israelischen Zeitung „Jediot Achronot“ in den Palästinenser-Städten bleiben. Die Armeeführung geht dem Bericht zufolge davon aus, dass Palästinenserpräsident Jassir Arafat in diesem Zeitraum ohne weiteres israelisches Eingreifen als politischer Führer „verschwinden“ werde.

Am Donnerstag um 15 Uhr sitzt auch Amina wie alle Bewohner Ramallahs wieder zu Hause und denkt darüber nach, wann sie das nächste Mal aus dem Haus gehen darf. Die junge Frau hofft auf übermorgen. Am Samstag früh wird sie ihren Bäcker fragen, ob sie Recht hatte.

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