Politik : Wenn der Terror triumphiert

DIE USA UND IRAK

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Von Christoph von Marschall

Der Vizeaußenminister widerlegt den Präsidenten. Am 1. Mai hatte George W. Bush sich auf einen heimkehrenden Flugzeugträger bringen lassen, um das glückliche Ende des IrakKriegs zu verkünden. Nun spricht Richard Armitage in Bagdad von einem „Aufstand“ und fügt hinzu, „das ist ziemlich nahe am Krieg“. Mehr als 250 USSoldaten sind seit dem angeblichen Kampfende im Irak gestorben, in der vergangenen Woche gab es jeden Tag 29 Angriffe auf US-Truppen, selbst Hubschrauber werden abgeschossen. Auch die Gegenmaßnahmen belegen, dass Amerika es nicht nur mit Anschlägen einzelner Terroristen zu tun hat, die sich polizeilich bekämpfen lassen. Die Luftwaffe bombardiert jetzt wieder Saddam Husseins Heimatstadt Tikrit. Das heißt, die Nachkriegszeit hat noch gar nicht begonnen.

Es sieht fast so aus, als behielten die Kriegsgegner mit der Warnung Recht, der Angriff auf Irak werde die Region nicht sicherer, sondern instabiler machen. Saudi-Arabiens Hauptstadt Riad erschütterte kurz vor Armitages Ankunft ein Selbstmordattentat in einem Ausländerviertel – wie bei Außenminister Powells Besuch im Mai. Das wirkt, als gebe es keinen Schutz. Dabei hatten die Geheimdienste gewarnt. Triumphieren im Nahen und Mittleren Osten am Ende Osama bin Laden und Saddam Hussein?

Unbestreitbar ist: Es geht unglaublich viel schief im Irak. Amerika hat die Probleme der Besatzung fahrlässig unterschätzt und strategische Fehler begangen, zum Beispiel, als es die irakische Armee und Polizei auflöste. Gewiss, kein Demokrat wünscht sich die Machtinstrumente, auf die sich Saddam Husseins Terrorregime gestützt hatte, als Verbündete. Aber wichtiger noch wäre es gewesen, von Anfang an Sicherheit und Ordnung zu gewährleisten. Und rasch Aufbauerfolge zu erzielen, um die Sympathien der Bevölkerung zu gewinnen. An einer solchen Erfolgsgeschichte hätten sich dann mehr Hilfsorganisationen und Staaten mit ihren Truppen gerne beteiligt. Eine sich selbst verstärkende Stabilisierung.

Statt dessen erlebt Amerika eine negative Dynamik. In manchen Gegenden warten die Iraker bis heute auf Wasser und Strom, aber weil die Sicherheitslage so prekär ist, verlassen Hilfsorganisationen die besonders gefährdeten Gebiete um Bagdad und Tikrit. Soldaten will kaum noch ein Land schicken. Die Vereinten Nationen weigern sich, in absehbarer Zeit eine Rolle bei Verwaltung oder Friedenssicherung zu übernehmen. Die Misserfolge machen es wiederum für Islamisten aus aller Welt attraktiv, den Irak zum Schlachtfeld gegen Amerika zu machen.

Das bedeutet aber noch lange nicht, dass Bush sich im Irak vor einer Niederlage sieht. Er kann sich sagen: Mehrere verbrannte Nachschubkonvois, sabotierte Öl-Pipelines und zwei abgeschossene Hubschrauber sind noch keine strategische Bedrohung. Von dem Schreckensbild der Kriegsgegner in Europa – Hunderttausende Tote, Aufstände in den Nachbarländern – trennen den Irak, trennen die Region Welten. Das gilt auch für Vietnam, wo Amerika 57 000 Gefallene in neun Jahren zu beklagen hatte.

Bush kann sich allerdings selbst besiegen: wenn er die Unterstützung der Amerikaner und der Iraker weiter verspielt. Um den Kampf zu gewinnen, muss er sie gewinnen. Durch ein ehrliches Bild von der Lage und eine glaubwürdige Strategie, die er mit ganzer Kraft verfolgt. Armitages offene Worte machen da Mut, die späten Ansätze zum Wiederaufbau einer irakischen Armee und Polizei ebenso. Beunruhigen müssen dagegen die illusionären Ankündigungen, die US-Truppen demnächst zu reduzieren. Abziehen kann Amerika erst, wenn auch dieser zweite Krieg, der gegen den Terror im Irak, gewonnen ist. Unwiderruflich.

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