Politik : Wenn der Westen dopt

FALSCHE SIEGER

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Von Friedhard Teuffel

Der Zweifel ist schon oft mitgelaufen bei den schnellsten Sportlern der Welt, und nach jedem olympischen 100Meter-Rennen stellt sich die Frage, ob nicht auch die Vertreter der Pharmaindustrie mit aufs Siegerpodest gehörten. Schließlich haben erst sie den Athleten zu ihren Muskelmassen und Medaillen verholfen. Beweise gab es selten, aber jetzt hat der diskrete Hinweis eines Trainers einen Doping-Skandal in den USA ausgelöst, wie es ihn bisher noch nicht gegeben hat. Oder: wie er noch nicht aufgedeckt worden ist. Vor allem amerikanische Leichtathleten sollen mit einem neuen anabolen Steroid gedopt haben, darunter die Weltmeisterin über 100 Meter, Kelli White. Ist dieser mutmaßliche Betrug die Fortsetzung des DDR-Sports mit modernen Mitteln?

Gerade aus dem Osten Deutschlands kommt der Reflex, dass nun endlich auch der Westen überführt sei, der nach dem Zusammenbruch der DDR so verachtend auf das sozialistische Sportsystem herabgeschaut habe. Der Vergleich ist in der Tat hilfreich, die Gleichsetzung aber falsch. Denn im staatlich angeordneten Doping der DDR gab es eine Gruppe, die man in Amerika vergeblich suchen wird: Dopingopfer, minderjährige Mädchen, denen von ihren Trainern und Ärzten männliche Sexualhormone verabreicht wurden und die schwere gesundheitliche Schäden davongetragen haben. Die zynische Begründung für die Dopingvergabe lautete damals: damit sie das harte Training besser verkraften.

Welche Ausrede werden nun die amerikanischen Sportler vorbringen? Sicher nicht die verständliche, dass sie wenn auch nicht Opfer, so doch Getriebene sind, Getriebene eines gesellschaftlichen Systems, das viel über Träume und Ziele spricht, aber nur selten über den manchmal schmutzigen Weg dorthin. Der Charakter des Dopings ist also ein anderer als im ehemaligen Ostblock. Dieses Doping kommt nicht von oben, sondern aus der Mitte der Gesellschaft.

Vielleicht gibt es jedoch wie in der DDR auch in den USA eine nationale Komponente. Nur so ist zu erklären, dass die amerikanischen Sportfunktionäre seit den 80er Jahren so viele Namen von gedopten Sportlern gemeinsam geheim gehalten haben. Auf die amerikanischen Sporthelden wollten die Funktionäre wohl ebenso wenig etwas kommen lassen wie Politiker auf ihre Soldaten. Der amerikanische Sport stemmt sich mit vergleichbarem Engagement gegen internationale Anti-Doping-Richtlinien wie die amerikanische Regierung gegen das Klimaschutzprotokoll von Kyoto.

Amerika ist nicht alleine vom Doping betroffen: Auch der britische Sprint-Europameister Dwain Chambers soll mit dem neuen Steroid gedopt haben. Die USA nehmen aber beim Sportbetrug eine führende Stellung ein. Dort ist auch etwas völlig Neues entwickelt worden: ein Steroid nur für die Leistungsmanipulation im Sport ohne medizinischen Zweck. Die Risiken können daher nicht einmal Mediziner vorhersagen. Im schlimmsten Fall wird es wieder rätselhafte Todesfälle geben wie den der amerikanischen Sprinterin Florence Griffith-Joyner.

Es wird sich auch wieder die Sinnfrage stellen: Soll der Sport nicht ganz sich selbst überlassen und ein freies Spiel der Kräfte werden, in dem jeder das mit seinem Körper machen kann, was er will? Wer diese Frage stellt, muss sich der Konsequenzen bewusst sein. Eine Freigabe von Doping wäre nichts anderes als ein Verrat an den Werten des Sports: Gesundheit, fairer Wettbewerb, soziales Miteinander. Denn Sport ist nicht teilbar in Leistungs- und in Breitensport. Die Ideale des Sports können nicht mit den Mitteln des DDR-Staatssports erreicht werden – und auch nicht mit falschen amerikanischen Helden.

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