Wenn EU-Politiker und Lobbyisten feiern : Prost Brüssel - Zwischen Bier und Netzwerk

Donnerstagabends bleibt kein Stuhl frei, am Place de Luxembourg im Europaviertel. Vor der großen Heimreise feiern sie – die Praktikanten, Mitarbeiter, Assistenten. Und machen ein bisschen Politik nebenher.

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Foto: Peter Widmann/Imago
Foto: Peter Widmann/ImagoFoto: imago/Peter Widmann

Das beste Haus am Platz heißt in Brüssel Beer Factory. Hier, direkt gegenüber dem Eingang zum Parlament, tragen an diesem Dezemberabend gefühlte 90 Prozent der Gäste einen Anzug. Die Fensterscheiben sind von innen beschlagen, über der Theke hängt eine Girlande aus Tannenzweigen. Darunter zapft der Barkeeper ein Bier nach dem nächsten. Abgefüllt in schwere Krüge mit vier Henkeln, einen davon erwischen die Betrunkenen auch im schlimmsten Zustand immer. An die dreihundert Gäste fasst die Kneipe. Jetzt, um kurz vor sieben, ist schon kein Stuhl mehr frei. Es ist Donnerstag, der Abend vor der Heimreise der Brüsseler Politik und High Noon in den Bars am Place de Luxembourg.

Ein Paar, er schon mit grauen Haaren, sie noch deutlich jünger, schiebt sich Richtung Theke. Unter den Mänteln Krawatte, Anzug, Kostüm, Bluse. Einmal Bier und ein Glühwein mit Schuss. Er arbeitet als Lobbyist für ein Wirtschaftsunternehmen, sie für eine der EU-Institutionen, mehr wollen sie nicht verraten. Treffen sie sich hier denn beruflich oder privat? „So halb und halb“, sagt er, schiebt ihr die Getränke rüber, sie lächelt. Die Beer Factory, sagt er dann noch, sei perfekt für ein schnelles Getränk und ein kurzes Gespräch zum Feierabend.

Und tatsächlich sitzt fast an jedem der kleinen Zweiertische ein solches Paar, viele ernste Gesichter angesichts der Menge an Bier und Weihnachtsdekoration. Das Bild wird nur von ein paar angetrunkenen Besuchergrüppchen gestört, zu erkennen an den blauen EU-Parlament-Plastiktüten, die sie überall mit hinschleppen. Hier, das sei der seriöse Teil der Veranstaltung, sagt der Wirtschaftslobbyist an der Bar. „Die anderen sind dort drüben“, sagt er. Er nickt in Richtung der gegenüberliegenden Platzseite und verzieht das Gesicht.

„Die anderen“, die sind der Grund dafür, dass der Place de Luxembourg im Brüsseler Europaviertel nicht für seine John-Cockerill-Statue bekannt ist, sondern vor allem für die Biergläser, die sich an Donnerstagabenden zu deren Füßen stapeln. Irgendwann, die Barbesitzer wissen es selbst nicht mehr so genau, irgendwann so vor sechs bis sieben Jahren kamen immer mehr Trinkfreudige zum Feierabend. Der Donnerstag bietet sich an: Am nächsten Tag fahren die meisten aus dem Brüsseler Politikbetrieb zurück in die Heimat, am Wochenende haben die Pubs hier sogar geschlossen. Am Donnerstag dagegen wird im Sommer auf dem kleinen Platz vor dem EU-Parlament sogar der Kreisverkehr gesperrt, weil so viele Menschen ihr Bier in Ruhe draußen auf der Straße trinken können sollen.

Jetzt, im Winter, haben die Besitzer der kleinen Kneipen auf der billigeren Seite des Platzes Plastikvorzelte aufgestellt. Gewärmt werden sie mit Heizpilzen. Kein schöner Anblick für die Umweltschützer, die im benachbarten Parlament schon seit Jahren für deren Verbot kämpfen. Die Kneipenwirte buhlen mit Happy-Hour- Angeboten (zwei Drinks zum Preis von einem), Diskolicht und lauter Partymusik um Gäste. Hier treffen sich vor allem die Jungen aus den Institutionen, die Praktikanten, die Mitarbeiter. In ihrer Sprache wurde aus dem Place de Luxembourg erst der „Place Lux“ dann der „Plux“, inzwischen heißt es: „Lets go pluxing!

Der Twitteraccount @pluxing beschreibt seine Anhänger als „unter 30, unverheiratet, bilingual“. Und tatsächlich trifft diese Beschreibung auf ziemlich viele zu, die sich hier unter den Heizstrahlern drängeln. Die meisten tragen ihren Arbeitsausweis noch um den Hals, so fällt auch die Zuordnung leichter. Steht dort ein „A“ für Assistent, oder „S“ für Stagaire, also Praktikant? Die Hackordnung ist nicht unwichtig, wenn sich später am Abend die Pärchen finden.

„Und wo machst du Praktikum?“

„Wo kommst du her?“

„Wie lange bleibst du?“

„Willst du mal für die EU arbeiten?“

„Darf ich dir ein Bier ausgeben?“

Mitten unter ihnen sitzt Sophie und hält sich immer noch an ihrem ersten Bier fest. Schräg gegenüber vom DJ-Pult ist die Musik besonders laut. Sie schreit ihrem Gegenüber ins Ohr. Es geht hier tatsächlich um Politik. Sophie arbeitet für einen Abgeordneten der französischen Linken, und das hier ist Teil ihrer Arbeit, sagt sie. Hier in dieser Bar, erklärt sie, treffen sich vor allem junge Linken. Wieso ausgerechnet hier? Die Plastikzelte sehen eigentlich alle identisch aus, dieselben Diskolichter, dieselbe Housemusik. „Der Laden heißt Coco“, schreit Sophie und dann lacht sie. „So nennen wir in Frankreich die Kommunisten!“ Und hier würden sie gemeinsam Strategien entwickeln, gegen die anderen dort drüben, die Lobbyisten. Sie zeigt Richtung Beer Factory. „Da gibt’s viele von denen, aber hier trauen sie sich nicht hin.“ Die von der Kommission wiederum hätten ihre eigenen Kneipen, sie finde man meistens im Kitty o’ Sheas Irish Pub, in der Nähe des Place Schuman, wo das Kommissionsgebäude steht. „Und hier sind eben wir“, sagt sie und boxt einem Kollegen in die Seite, ebenfalls Mitarbeiter eines Abgeordneten, ebenfalls Franzose. Nur eben von den Sozialdemokraten.

Die Tücken dieses Arbeitsplatzes zeigen sich allerdings schon während Sophie noch von ihren Allianzen und den Gegenallianzen erzählt. Von hinten nähert sich ein Mann im roten Parka, fällt ihr um den Hals und versucht, sie zu küssen. Er lallt stark, erzählt, dass er ganz in der Nähe in einem Hotel arbeitet. Und Sophie sei die schönste Frau, der er je begegnet sei. Der Parka-Kavalier gehört zu einer Gruppe Männer, die ebenfalls immer donnerstags hierher kommen, einige von ihnen haben sich beim Reinkommen mit dem DJ abgeklatscht. Sie wollen Frauen kennenlernen. Praktikantinnen am liebsten. Da die aber – wenn überhaupt – eher nach Männern mit Arbeitsausweisen um den Hals suchen, sind die belgischen Jungs inzwischen ziemlich betrunken und frustriert. Für Sophie ist das ein eindeutiges Signal. Sie zahlt und geht. Das schmale Zeitfenster, in dem es sich zwischen dem ersten und dritten Bier locker über Politik reden und Netzwerke schmieden lässt, ist vorbei.

Je später es wird, umso stärker steigt im Zelt die Zahl der Glücksritter: einsame Herzen, Rosenverkäufer und Mitarbeiter einer Handyfirma, die extra EU-Tarife anbieten und bei Unterzeichnung freie Drinks versprechen. Die Leute halten sich inzwischen aneinander und an den Heizstrahlern fest. Bis um Mitternacht nehmen die Kellner noch Bestellungen auf, um eins werden auch die Letzten höflich aus dem Vorzelt gekehrt. Der DJ packt sein Equipment ein, draußen fährt der letzte Bus. Es wird ruhig. Bis zum nächsten Donnerstag. Am Plux.

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