Politik : Wenn Helfer ihre Macht missbrauchen

Antje Passenheim

"Der große Mann kann mit kleinen Mädchen Liebe machen", zitiert der erschütternde Bericht ein Kind. "Er kann das Mädchen rufen. Dann gehen sie in sein Haus und schließen es ab. Und wenn der große Mann sein Geschäft verrichtet hat, gibt er dem Mädchen Geld oder ein Geschenk." Alltag in einem westafrikanischen Flüchtlingslager. Was der Report des UN-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) und der britischen Hilfsorganisation "Save the Children" ans Tageslicht brachte, ist in den Camps in Sierra Leone, Guinea oder Liberia offenbar seit Jahren gängige Praxis: Mutmaßliche Helfer und Beschützer erpressen ihre Hilfeleistung durch Sex mit Minderjährigen.

Sechs Wochen lang befragten die Ermittler insgesamt 1500 Zeugen. Das Ergebnis ihrer Protokolle ist verheerend: Nicht nur Mitarbeiter von insgesamt 40 Hilfsorganisationen, sondern auch UN-Vertreter und Blauhelmsoldaten missbrauchten regelmäßig ihre Schutzbefohlenen unter dem Versprechen, ihnen dafür zu geben, was eigentlich selbstverständlich war. "Viele Kinder sahen darin den einzigen Weg, um an Nahrungsmittel zu kommen", heißt es in dem Bericht.

"Als Mama mich bat, zur Quelle zu gehen, um unsere Teller zu waschen, wartete dort ein UN-Soldat auf mich. Er befahl mir, meine Kleider auszuziehen, um ein Foto zu machen", gab eines der Opfer an. "Als ich ihn danach nach Geld fragte, sagte er: Kein Geld für Kinder, nur Kekse." UN-Blauhelme gelten in dem Bericht als am besten zahlende Kunden: Zwischen fünf und 300 Dollar lassen sie sich pornografische Fotografien oder Sex mit Kindern und Teenagern kosten. Ganze Gruppen der Soldaten sollen dafür spezielle Treffpunkte gehabt haben, an denen sie ihre Opfer regelmäßig trafen.

"Es ist unglaublich", sagt die Direktorin von "Save the Children" in Liberia, Jane Gibrill. "Ausgerechnet die Menschen, die Hilfe leisten sollten, sind die Ausbeuter der Opfer." Mädchen zwischen 13 und 18 Jahren - aber auch Jüngere - machten den größten Teil der Opfer aus. Aber auch minderjährige Jungen seien von älteren Frauen zu sexuellen Handlungen gezwungen worden. Der Missbrauch sei oft mit Wissen der Eltern geschehen. Viele hätten ihre Kinder dazu gedrängt, weil sie sich dadurch eine bessere Lebensgrundlage erhofften. Andere hätten Beschwerdebriefe verfasst, die wiederum von mitwissenden Helfern zurückgehalten worden seien, heißt es im Bericht.

"Wenn du einen Helfer anschwärzt, hast du nicht nur mit ihm Ärger, sondern gleich auch mit seinen Kollegen", beschreibt ein Lagerinsasse aus Guinea die Situation. Dort wie in den Nachbarländern Sierra Leone und Liberia ist der Missbrauch von Kindern ohnehin verbreitet. Viele der verängstigten kleinen Lagerbewohner waren auf der Flucht vor Gewalt oder hatten der Rekrutierung von Kindersoldaten entgehen wollen. Statt Sicherheit erfuhren sie in den Camps nun von den meist einheimischen Helfern, was in ihren Kulturen oft gängige Praxis ist: die Versklavung oder sexuelle Nötigung von Kindern.

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