Politik : Wenn Helfer zu viel helfen

Andrea Claudia Hoffmann

Dass Vertreter von Hilforganisationen sich über zuviel Geld beschweren, kommt selten vor. Aber genau das tut Erhard Bauer, Leiter des Afghanistan-Programms der Deutschen Welthungerhilfe: Kabul, so bemängelt er, werde derzeit von Hilfsgeldern "überschwemmt". In der Hauptstadt Afghanistans herrsche "Goldgräberstimmung". Eine Flut von Helfern, Journalisten und UN-Personal treibe die Immobilienpreise in die Höhe. Ausländische Politiker gäben sich dort die Klinke in die Hand und versprächen "immer astronomischere Summen".

Der deutschen Regierung warf Bauer vor, bei ihren Hilfsambitionen vor allem eigene Interessen zu verfolgen: "Hier wird mehr an den Wahlkampf als an die Bedürfnisse der afghanischen Bevölkerung gedacht." Außerhalb der Hauptstadt komme "so gut wie nichts" von dem Geld an. "Außer einigen Tonnen Weizen hat die Landbevölkerung noch nichts von der versprochenen Hilfe gesehen."

Hauptgrund für dieses Dilemma ist die verheerende Sicherheitslage in der Provinz. Die Situation sei heute erheblich schlechter als vor dem Oktober 2001, so Bauer. Rivalisierende Warlords machten ein Erreichen der Bevölkerung unmöglich. Dabei wäre die Hilfe auf dem Land dringend nötig: Seit drei Jahren hat es kaum Niederschläge in Afghanistan gegeben. Die Folge ist eine Dürre, die schon im vergangenen Jahr zu Ernteausfällen von bis zu 100 Prozent geführt hatte. Da auch in diesem Winter zu wenig Schnee gefallen ist, rechnet Bauer für den Sommer wieder mit Ausfällen von 70 Prozent.

Große Teile der Bevölkerung befinden sich außerdem noch auf der Flucht. Im Norden flüchteten laut Agenturmeldungen in den vergangenen Tagen mehrere Tausend Paschtunen in Richtung Pakistan, weil die örtlichen Kommandeure der Anti-Taliban-Allianz die Bevölkerung zu Übergriffen gegen sie aufgestachtelt hatten.

Bauer warnt davor, noch mehr Geld nach Kabul zu pumpen, so lange dort das Machtgerangel innerhalb der Nordallianz andauere. Er plädiert stattdessen für eine langfristige Hilfe zur Selbsthilfe: "Wir helfen niemanden, indem wir kurzfristig mit Geld um uns werfen." Man müsse eine Zusammenarbeit mit verschiedenen, inländischen Partnern suchen, um die Menschen zu erreichen. Abkommen mit den Warlords schloss Bauer allerdings aus.

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