Politik : Wenn Kinder töten (Kommentar)

Gerhard Mauz

Ein Jahr ist es her. In Littleton im US-Staat Colorado wurde des Tages gedacht, an dem zwei Jugendliche zwölf Mitschüler und einen Lehrer erschossen und danach sich selbst töteten. Die Trauer hat Littelton keinen Frieden gebracht. Eine Antwort auf die Frage, wie es zu diesem Unglück kommen konnte, fand sich nicht. Viele meinen, es sei vorhersehbar und zu verhindern gewesen.

Die Waffengesetze sind nicht entscheidend verschärft worden. Und an dem Tag, an dem Littleton der Opfer gedachte, verletzte ein 15-Jähriger im kanadischen Ottawa vier Mitschüler und eine Sekretärin schwer, während er "Ich werde euch alle töten" schrie - mit einem Messer.

George W. Bush, der US-Präsident werden will, erinnerte denn auch im Interesse seines Ziels, für das er auf die Stimmen der Waffen-Lobby nicht verzichten mag, daran, dass die Sicherheit der Kinder nicht nur von den Gesetzen, sondern vor allem von den ihnen vermittelten Werte abhänge. Welche Werte er meint und wie er sich ihre Vermittlung vorstellt, teilte er nicht mit.

Nicht die Kinder werden schlechter. Doch die Welt wird immer schlechter für Kinder. Das mag man auch in der Bundesrepublik nicht hören. Wer behauptet, dass nicht die Kinder schlechter werden, sondern sich ihre Möglichkeiten auf- und in das Leben hineinzuwachsen verschlechtern, der beschuldigt die Welt. Gegen den muss man sich wehren.

Als rororo-Taschenbuch ist jetzt "Das Milchgesicht" mit dem Untertitel "Wenn Kinder töten. Der Fall Marco F." erschienen. Es kostet 16,90 Mark, und wer mit Kindern zu tun hat, sollte es lesen - auch wenn seine Kinder keinen Anlass zur Sorge bieten.

Verfasser sind die Journalisten Fred Sellin, Hamburg, und Klaus Weber, Leipzig. Ihnen geht es nicht darum, Schuldige ausfindig zu machen. Sie klagen nicht an. Sie führen detailliert ein Material vor, dass es dem Leser ermöglicht, sich selbst ein Bild davon zu machen, was heute Kindheit und Jugend beschwert - was auch zu schwersten Taten führen kann. Und ihr Buch belegt auch, frei von den Verkürzungen, die im Kampf um Auflage und Quote für unumgänglich gehalten werden, wie wichtig es ist, dass Journalisten unbedrängt von nacktem Geschäftsinteresse den Leser ansprechen können.

Marco hat mit 13 Jahren den Jungen Denny, mit 14 Jahren den Jungen Manuel in Leipzig getötet. 1992 wurde er wegen sexueller Nötigung in Tateinheit mit sexuellem Missbrauch eines Kindes und wegen Mordes zu einer Jugendstrafe von sieben Jahren und sechs Monaten verurteilt. Auch wurde seine Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus angeordnet.

"Zwei Kinder hat er getötet und drei Familien zerstört. Das ist viel mehr, als jemals hätte geschehen dürfen ..." heißt es bei Sellin und Weber. Und sie sagen auch, "dass es sich bei der Kinder- und Jugendkriminalität hier zu Lande nicht mehr nur um ein aufgebauschtes Randproblem oder um ein massentaugliches Wahlkampfthema handelt". Sie haben mit den Eltern der Opfer und des Täters gesprochen und auch mit Marco in der Psychiatrie - und sie berichten mit einem Einfühlungsvermögen, zu dem auch das Taktgefühl gehört.

Der Hamburger Kriminologe Jans Weidner hat in "Focus" über jugendliche Gewalttäter und die Nachahmungstaten geschrieben: "Pädagogisch sinnvoll wäre es, wenn diese Taten nur justiziell-kriminologisch, aber kaum medial bearbeitet werden würden. Der sekundenschnelle Gewalt-Paukenschlag zum ww.kriminalitäts.star verkümmert zur Bedeutungslosigkeit, wenn er nur noch zur Randnotiz in der Provinzpostille taugt." Sellin/Weber zeigen, dass auch das Taschenbuch zur Klärung beitragen kann.Gerhard Mauz ist Autor des "Spiegel"

0 Kommentare

Neuester Kommentar