Politik : Wenn nichts sicher ist

Von Anselm Waldermann

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Die Energievorräte der Welt sind endlich – das wissen wir seit langem. Und auch, dass es um sie Konflikte gibt. Wie sehr die uns treffen können, hat nun der russisch-ukrainische Gasstreit deutlich gemacht. Energie steht nicht immer und überall zur Verfügung. Vordergründig haben Moskau und Kiew ihren Konflikt zwar schnell gelöst – aber die Debatte um unsere Energieversorgung von morgen geht gerade erst los.

Zwar wird Gas frühestens in 60 Jahren knapp. Doch der politische Druck, den Moskau auf Kiew ausübt, ist ein Vorgeschmack darauf, wie es in einigen Jahren auch anderen Staaten ergehen könnte. Der wichtigste Energieträger Deutschlands, das Erdöl, kommt vor allem aus dem arabischen Raum, aber in zunehmendem Maße auch aus Russland. Bei Gas deckt Deutschland seinen Bedarf sogar zu 35 Prozent aus russischen Quellen.

Damit sind wir abhängig, und die Ostseepipeline, die Altkanzler Gerhard Schröder unter Dach und Fach gebracht hat, macht uns noch abhängiger. Wir haben zwei Möglichkeiten: Entweder wir vertrauen Russland, oder aber wir überdenken unseren Energiemix. Bisher sollte Energie billig und möglichst umweltfreundlich sein. Die Frage nach der Versorgungssicherheit haben wir uns nie wirklich gestellt. Aber genau die wird – und muss – künftig mehr Gewicht erhalten. Ein erster Schritt kann der von Bundeskanzlerin Angela Merkel geplante Energiegipfel sein.

Nun darf das nicht heißen, dass die Verbraucher den Energiekonzernen künftig widerstandslos jeden Preis bezahlen müssen. Auf dem innerdeutschen Markt gibt es noch viel Spielraum für mehr Wettbewerb. Und eine neue Ausrichtung der Energiepolitik darf auch nicht bedeuten, dass sie den Klimaschutz völlig aus den Augen verliert.

Eine Option hat die Union klar benannt: längere Laufzeiten für die deutschen Atomkraftwerke. Ob der Koalitionsvertrag hier Bestand haben wird, ob es auf Dauer beim noch von Rot-Grün vereinbarten Ausstieg bleibt, wird sich erst zeigen. Eine Interviewäußerung hier und eine Pressemitteilung dort werden jedenfalls noch keinen Kurswechsel bringen. Was wirtschaftlich sinnvoll ist, muss gesellschaftlich auch akzeptiert werden. Bis dahin wäre es aber noch ein weiter Weg: So ist etwa die Lagerung des Atommülls nicht hinreichend geklärt. Und mit der Atomkraft allein ließen sich die Abhängigkeiten in der Versorgung ohnehin nicht lösen, schließlich macht sie kaum mehr als zehn Prozent des gesamten Energieverbrauchs aus.

Die Frage nach dem richtigen Energiemix darf deshalb nicht bei der Atomkraft aufhören. Vielmehr müssen alle Energieträger ins Blickfeld rücken, und dazu gehört zweifelsohne auch die Kohle. Neben den heimischen Vorkommen gibt es sie in fast allen Staaten der Welt, einseitige Abhängigkeiten sind daher nicht zu befürchten. Außerdem reicht Kohle anders als Öl oder Gas für mindestens 200 Jahre.

Von allen Energien schadet Kohle heute zwar dem Klima am meisten. Aber schon in einigen Jahren dürfte es kohlendioxidfreie Kraftwerke geben, mit denen Kohle klimaneutral verbrannt werden kann. Deutschland hat es in der Hand, die Weichen schon heute zu stellen, um bei dieser Technik ganz vorne mit dabei zu sein.

Auch die erneuerbaren Energien werden im Energiemix der Zukunft eine nicht zu vernachlässigende Größe sein. Schließlich scheint die Sonne in Deutschland unabhängig von der politischen Situation in Russland. Ohne Subventionen kommt Energie aus Sonne, Wind und Biomasse zwar noch nicht aus. Aber vielleicht ist ja genau das der Preis, den Deutschland für eine sichere Energieversorgung zu zahlen hat.

Die Windbranche hat das erkannt und spricht immer leiser vom Umweltschutz. Stattdessen betont sie immer lauter das Argument der Unabhängigkeit von Importen. Wenn der Gasstreit dazu beiträgt, dass sich diese Einsicht auch in der Politik durchsetzt, dann hätte er doch noch sein Gutes. Fast könnte man der russischen Gasprom dankbar sein, dass sie uns ihre Macht gezeigt hat.

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