Politik : Wenn Politik Maulwurf spielt

Von Uwe Schlicht

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Der Schreck muss wirklich gewaltig gewesen sein! Seit einem halben Jahr wissen die 16 Kulturminister der Länder, dass Deutschland demnächst vor einem Studentenberg völlig ungeahnten Ausmaßes steht – und sie haben sechs Monate lang geschwiegen, weil ihnen jede Vorstellung abgeht, wie sie das Problem lösen könnten. Jetzt sind die Zahlen seit gestern bekannt – aber von Lösung keine Spur. 450000 Studienanfänger wird es im Jahr 2012 geben, insgesamt 2,7 Millionen Studenten. Zum Vergleich: Im Jahre 2004 gingen insgesamt 1,9 Millionen Menschen einem Studium nach, davon 368000 Anfänger. Das heißt im Klartext: Innerhalb von acht Jahren wird die Zahl der Studenten um fast 50 Prozent steigen.

Diese Zahlen sollten eigentlich ein Anlass zur Freude sein. International werden nämlich künftig nur die Länder eine führende Rolle spielen können, die in Bildung und Forschung investieren. In Deutschland studieren 37 Prozent eines Jahrgangs, andere entwickelte Nationen kommen auf 50 Prozent. Und: Nur 19 Prozent eines Jahrgangs beenden bei uns auch das Studium. Ein Skandal, der vieles aussagt über die Versäumnisse in der Schulbildung und im Hochschulsystem.

Um eine Wende zu schaffen, wurden Reformen eingeleitet wie die Umstellung fast aller Studiengänge auf Bachelor und Master und ein Exzellenzprogramm für die Forschung. Während Bund und Länder für die Forschung zusätzliche Milliarden aufbringen, gibt es aber keine Kalkulation darüber, was die Umstellung auf Bachelor und Master kosten wird. Massenuniversitäten ohne Massenbetrieb zu schaffen, ist die Herausforderung angesichts des künftigen Studentenandrangs.

Seit 1977, dem Jahr des ersten Studentenbergs, bestand die Antwort der Politiker darin, diesen „Berg zu untertunneln“, statt die Hochschulen ausreichend zu finanzieren. Untertunneln – das war die Methode Maulwurf: Nichts sehen, nichts hören, sich durchwühlen. Die Folgen: Bis heute sind Studienzeiten von sieben Jahren und Schwundquoten bei den Studenten von 30 Prozent üblich. Soll diese Politik unbegrenzt fortgesetzt werden?

450000 Studienanfänger pro Jahr werden zu einer heute kaum vorstellbaren Überlastung führen, wenn nicht rechtzeitig gegengesteuert wird. Zur Bewältigung des neuen Studentenbergs offerieren die Kultusminister seit einer Woche ein Handlungskonzept, das keine neuen Akzente erkennen lässt. Offenbar soll das Problem wieder, wie nach 1977, ausgesessen werden – zu Lasten der Lebens- und Bildungschancen einer ganzen Studentengeneration.

Rechtzeitige Antworten werden durch den Zuständigkeitsstreit zwischen Bund und Ländern verhindert. Die Verfassungsreform von 1969 hatte die gemeinsame Verantwortung beider für Bildungsplanung und Forschungsförderung und damit die Mischfinanzierung begründet. Seit dem Jahr 2004 ist diese Reform von den Ministerpräsidenten der meisten Länder und der CDU/CSU im Dauerstreit mit Bildungsministerin Bulmahn zum Grundübel erklärt worden. Dabei reichen die Bildungsausgaben der Länder kaum zur Bewältigung des Alltags. Kommen jedoch Probleme mit einer Wirkungsmacht von Jahrzehnten auf die Tagesordnung – wie die Ganztagsschulen, Eliteuniversitäten oder die Förderung der Lehre – geht es nicht ohne Hilfe des Bundes. Im Moment sieht es freilich eher so aus, als müsse die künftige Bundesbildungsministerin ein Ressort ohne Wirkung verwalten, weil sie der wichtigsten Abteilungen beraubt wird.

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