Politik : Wenn’s ein bisschen fair sein darf

EU-VERGLEICH Konsumenten in Europa ticken sehr unterschiedlich.

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Ein gutes Restaurantessen, das ruhig auch ein paar Euro mehr kosten und gerne auch etwas länger dauern darf – so liegt es in der Natur der Belgier. Der Deutsche Johannes Kleis hat einige Zeit gebraucht, bevor er sich an diesen nicht unsympathischen Aspekt der belgischen Lebenskultur gewöhnt hat. Kleis ist Sprecher des Europäischen Verbraucherverbandes in Brüssel und hat einen guten Überblick darüber, was Konsumenten in den einzelnen EU-Ländern umtreibt. Und dass es zudem zwischen Deutschland und Belgien erhebliche Unterschiede gibt, was die Wertschätzung von Lebensmitteln anbelangt, kann Kleis, der seit 2006 in Brüssel lebt, auch aus privater Erfahrung bestätigen.

Der Pferdefleisch-Skandal hat nicht nur die Hersteller von Fertig-Lasagne wegen der falsch etikettierten Ware in Zugzwang gebracht. Der europaweite Skandal hat auch den Verbrauchern gezeigt, dass sie sich an die eigene Nase fassen müssen: Wer bei Lebensmitteln immer nur auf den Preis und weniger auf die Qualität achtet, darf sich nicht wundern, wenn seinen Tortelloni billigeres Pferdefleisch untergemischt wird.

Die Deutschen gehören dabei im EU-Vergleich zu den Pfennigfuchsern, die ihren Geldbeutel für Lebensmittel eher geschlossen halten. Was der Deutsche Johannes Kleis in Brüssel an Savoir-vivre mitbekommt, lässt sich gut belegen: Nach den Angaben der europäischen Statistikbehörde Eurostat machte der Anteil von Nahrungsmitteln und alkoholfreien Getränken an den Konsumausgaben der Privathaushalte in Belgien im Jahr 2011 immerhin 13,4 Prozent aus. In Deutschland waren es gerade einmal 11,5 Prozent. Noch weniger – 9,1 Prozent – wurde in britischen Haushalten ausgegeben, während die Franzosen für ihre täglichen Lebensmittel einen ähnlich hohen Prozentsatz lockermachten wie ihre belgischen Nachbarn.

Dass die Konsumenten in den einzelnen EU-Staaten auch sonst ziemlich unterschiedlich ticken, weiß Verbraucherschützer Kleis anschaulich zu berichten: So ist beispielsweise den Österreichern die Herkunftsbezeichnung vor allem wegen des Umweltaspekts wichtig. Die Verbraucher in Frankreich wollen aus der Etikettierung hingegen ablesen können, aus welcher Region ein Produkt stammt. Den Franzosen geht es dabei nicht zuletzt darum, Arbeitsplätze in der Landwirtschaft in ihrem Land zu erhalten, vermutet Kleis.

Ganz unterschiedlich sind auch die Methoden, zu denen die Verbraucherverbände in Europa im Fall von Negativschlagzeilen greifen, um die Hersteller unter Druck zu setzen. In Spanien wenden sich die Verbraucherschützer häufig mit Petitionen ans Parlament. Als weniger zimperlich gelten hingegen die griechischen Konsumenten-Vertreter; 2008 rief der hellenische Verbraucherverband Ekpizo die Konsumenten zum Milchboykott auf, nachdem der Literpreis auf mehr als einen Euro gestiegen war. Auch das griechische Verbraucherzentrum Kepka schreibt sich auf die Fahnen, dass ein hellenischer Milchproduzent mit den Preisen heruntergehen musste, nachdem die Verbraucherschützer sechs Monate lang mit Pressemitteilungen, Flugblättern und übers Internet zum Boykott aufgerufen hatten.

Es ist bezeichnend, dass in einem europäischen Krisenstaat wie Griechenland, in dem zahlreiche Menschen in die Armut abrutschen, hohe Lebensmittelpreise eher einen Proteststurm der Bevölkerung auslösen können als im vergleichsweise reicheren Norden der Europäischen Union. Dazu passt, dass die einkommensstärkeren Konsumenten in der EU bei ihrer Kaufentscheidung auch viel öfter als Verbraucher im ärmeren Süden darauf achten, unter welchen Arbeitsbedingungen die Artikel produziert wurden, die in ihren Einkaufskorb gelangen. „Verbraucher in den nördlichen Ländern, in Großbritannien und in den Benelux-Staaten wissen, worum es beim Stichwort ‚fairer Handel’ geht“, hat Luke Upchurch vom weltweiten Verbraucherdachverband „Consumers International“ beobachtet. „Das gilt weniger für Konsumenten in Staaten wie Spanien, Portugal und Griechenland.“

Auch die Unternehmenspolitik kann schnell zum Thema für die Konsumenten werden: In Großbritannien gerieten sie heftig in Rage, nachdem ein Ausschuss des Unterhauses im Dezember einen Bericht veröffentlicht hatte, in dem den US-Unternehmen Google, Amazon und Starbucks ihre geringe Zahlungsmoral bei der Körperschaftsteuer zum Vorwurf gemacht wurde. Weil die Unternehmen in der EU unter anderem auf Niedrigsteuer-Länder wie Luxemburg oder Irland ausweichen könnten, entgingen dem britischen Fiskus Einnahmen in dreistelliger Millionenhöhe, lautete der Vorwurf britischer Parlamentarier. Wie sehr die Unternehmen durch die öffentliche Debatte aufgeschreckt wurden, lässt sich daran ablesen, dass Starbucks an einem Samstagabend – nicht unbedingt der typische Zeitpunkt für Unternehmensmitteilungen – verkündete, dass der Konzern seine Praxis bei der Abführung von Steuern in Großbritannien überdenken wolle.

Dabei unterscheiden sich von Land zu Land die Kampagnen, mit denen sich die Verbraucher mobilisieren lassen. Während etwa die Abneigung gegen genveränderte Lebensmittel besonders in Frankreich und Großbritannien nach den Worten von Upchurch „ausgeprägt“ sei, sorgten sich Verbraucher in Deutschland vor allem um die Datensicherheit im Internet. „Die deutschen Verbraucher bilden in diesem Bereich die Speerspitze“, sagt er.

Ob das Internet in Zeiten des zunehmenden Online-Handels den Verbrauchern tatsächlich mehr Macht beschert, lässt Upchurch einmal dahingestellt. Viele Kampagnen gegen einzelne Produkte seien sehr kurzlebig, gibt er zu bedenken. Ganz anders als etwa beim langlebigen Anti-Apartheid- Boykott früherer Jahre dauere heute ein Käuferstreik in der digitalen Welt oft nur wenige Tage. Aber dennoch ist der Verbraucherschützer davon überzeugt, dass sich das Blatt langfristig zugunsten seiner Klientel wendet: „Es gibt eine klare Tendenz: Immer mehr Konsumenten werden sich der Macht bewusst, über die sie verfügen.“

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