Politik : „Wer baut, der bleibt!“

Am 65. Jahrestag der Reichspogromnacht wird in München der Grundstein für das Jüdische Zentrum gelegt

Mirko Weber[München]

Wer es nicht weiß, geht am Münchner Gasteig an der Isar vorbei und sieht: ein Kulturzentrum. Trutziger Beton und verspiegeltes Glas. Wer aber ein bisschen näher kommt, bemerkt auch die Gedenkplatte für Georg Elser. Hier war einmal der Bürgerbräukeller, wo der Schwabe Elser das missglückte Attentat auf Adolf Hitler unternahm. Hier war der Ausgangspunkt der Pogromnacht von 1938, die in München von Rudolf Hess angezettelt wurde. Hier in Haidhausen war aber auch der Wohnort vieler Juden, die vertrieben wurden, um außerhalb ihrer Heimatstadt umgebracht zu werden, in Dachau oder sonst wo.

Es waren Abertausende. Sie hießen Klein oder Kluge oder Koch, nur zum Beispiel, und es dauert sehr lange an diesem frühen Sonntagmorgen, bis allein all die Kleins, Kluges und Kochs von Mitgliedern der Jüdischen Gemeinde in München mit Familiennamen vorgelesen worden sind, es sind sehr viele. Später, bei der Grundsteinlegung für das neue Jüdische Zentrum am Jakobsplatz, mitten in der Stadt, werden die Papiere mit den Namen der von A bis Z Genannten in einer Büchse in den Boden versenkt. So also kehren die Menschen symbolisch doch noch zurück in ihre Stadt.

Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, ist nach dem Krieg als Überlebende nach München zurück gekommen, nachdem sie 1938 gerade noch ins Fränkische hatte gebracht werden können. Dort gab man sie als uneheliche Tochter einer Bäuerin aus und rettete auf diesem Weg die Existenz des Kindes. Charlotte Knobloch hat anschließend wieder Fuß gefasst in Deutschland und in München, und dennoch standen daheim bis auf den gestrigen Tag – man kann das symbolisch sehen oder auch nicht – immer noch ein paar unausgepackte Koffer. So jedenfalls hat es Charlotte Knobloch am Sonntag beim Festakt der Grundsteinlegung erzählt. Nun aber, setzte sie danach hinzu, werde sie diese Koffer öffnen und damit beginnen, „jedes Teil an den Platz zu räumen, den ich dafür die letzten 65 Jahre freigehalten habe.“ Heute nämlich sei auch sie wieder ganz in ihrer Heimat angekommen. „Wer baut, der bleibt!“

Dies war – alles in allem genommen – neben Giora Feidmans Klarinettensoli und Hans-Jochen Vogels Schlussansprache der emotionalste Moment einer an Gefühlen nicht armen Zeremonie, und die höchsten Repräsentanten des Landes (Bundespräsident Johannes Rau), des Freistaates (Ministerpräsident Edmund Stoiber) und der Stadt (Oberbürgermeister Christian Ude) haben sich hernach entsprechend bedankt für das Vertrauen, in das man naturgemäß gezogen wird, wenn ein Mensch coram publico sein Inneres offenbart.

Namentlich Stoiber wusste das sehr angemessen auszudrücken, wenn er formulierte, dass man Vertrauen seitens der deutschen Juden nach 1945 „weder erwarten noch gar fordern“ durfte. Weniger verklausuliert als Rau griff er anschließend jene an, die immer wieder durch „dümmliche Geschichtsvergleiche die historische Singularität der Shoa relativiert“ hätten. Solche unseligen Vergleiche seien der Anfang einer Entwicklung, an deren Ende immer „die bewusste Geschichtsverfälschung“ stehe. Die vor zwei Monaten publik gewordenen Pläne von Neonazis für ein Attentat just zum Zeitpunkt der gestrigen Feier hätten „alle Menschen erschüttert“, sagte Stoiber.

Im Mittelpunkt seiner und Christian Udes Rede stand denn auch ein Appell zur Gemeinsamkeit mit den jüdischen Mitbürgern in München, die durch das bis zum Jahr 2006 fertig zu stellende Jüdische Zentrum über einen neuen Lebensmittelpunkt in der Stadt verfügen, an dem täglich allein 200 000 Menschen en passant vorbei kommen werden; der Bauplatz liegt direkt hinter dem Viktualienmarkt. Der Präsident des Zentralrats der Juden, Paul Spiegel, nannte den Neubau ein „hoffnungsvolles Symbol“.

Dominiert wird das Ensemble von der Wiedererrichtung der alten Synagoge unter dem Namen „Ohel Jaa’kov“. Das Vorbild wurde von den Nazis bereits vor der Reichspogromnacht im Sommer 1938 an der Herzog-Max-Straße dem Erdboden gleichgemacht, aus „verkehrstechnischen Gründen“, wie es damals hieß. Das Grundstück der alten Hauptsynagoge hat die Jüdische Gemeinde verkauft und so 20 Millionen Euro für die Anschubfinanzierung des fast 60 Millionen teuren Komplexes bereitgestellt. Die Stadt München übernimmt den Bau des Jüdischen Museums. Ferner sind die Bauten von Kindergarten, Grund-und Volkshochschule, Bibliothek undSeminarräumen sowie ein koscheres Restaurant vorgesehen. Größten Raum soll die Sozialstation und Flüchtlingshilfe einnehmen, mehr als 4500 Mitglieder der Gemeinde werden hier betreut.

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