Politik : Wer bewahrt, verliert

Tissy Bruns

Die Volksparteien sind Spitzenprodukte der alten Bundesrepublik. Sie sind groß geworden in einem Sozialgefüge, das rheinischer Kapitalismus genannt wird. In seinen guten Zeiten waren wirtschaftliche Dynamik und soziale Sicherheit so verschränkt, dass je das eine ohne das andere nicht hätte auskommen können. In den beiden christlichen Volksparteien und der SPD spiegelte sich diese Gesellschaft. Zwei potenzielle 40-Prozent-Blöcke garantierten Stabilität, gerade dann, wenn größere Anpassungen an veränderte Verhältnisse nötig waren.

Das Schöne war: Das passierte ziemlich selten. Konrad Adenauer musste seine Leute von Marktwirtschaft und Westbindung überzeugen. Ein Jahrzehnt später erkannte auch die SPD, wie vernünftig das war – und so stand Willy Brandt bereit, als die Auflockerung erstarrter Fronten fällig war.

Diese Volksparteien konnte man noch ganz genau unterscheiden, obwohl sie sich natürlich ähnlich waren. Die vielen feinen Unterschiede kamen aus dem innersten Kern. Man wusste: In den christlichen Parteien versammeln sich die Menschen, die wissen, dass eine Gesellschaft ihre Tugenden, Leistungen und Tradition hegen und bewahren muss, dass nicht jeden Tag zur Disposition stehen darf, was langsam wächst. Die SPD wiederum stand für Fortschritt, den Kampf um Anteile am Wohlstand, für Aufstieg und Überwindung sozialer Barrieren. Folglich wurde ihr das Land anvertraut, als die Zeiten auf Veränderung drängten.

Keine Frage, dass die SPD eine Existenzkrise durchlebt. Die ökologische Bewegung hat ihr den ersten Schlag in den innersten Kern verpasst. Der globalisierte Kapitalismus frisst ihre soziale Basis und ihre Milieus auf. Ihre Anhänger sind weit entfernt vom Glauben an „die neue Zeit“, für die Sozialdemokraten immer kämpfen wollten. Die potenziellen Verlierer der Globalisierung sind zu Konservativen geworden, die eine instinktive Abwehr gegen Veränderungen entwickeln.

Und die Union? Sie hat zweimal die „bürgerliche“ Mehrheit verfehlt, obwohl der roten Konkurrenz die Luft zum Atmen fehlt. Aus ihren Reihen kommt die erste Bundeskanzlerin, sie ist zudem ostdeutsch und Protestantin. Angela Merkel hat ihre Politik im Angesicht eines Wahlergebnisses aufgegeben, das deutlicher nicht hätte sagen können, wie sehr das Land ihrem Reformtempo misstraut. Sie ist sich damit vielleicht in der Sache untreu geworden, nicht aber im Verfahren.

Denn anders als die meisten Mitglieder ihrer Partei muss die CDU-Vorsitzende sich nicht trennen vom Takt des rheinischen Kapitalismus. Sie ist geprägt von der neuen Zeit, die keine Rücksicht auf langsam gewachsene Tugenden, Leistung und Traditionen nimmt. Die jeden Tag verlangt, den vorherigen in Frage zu stellen. Die Menschen braucht, die den Lohn für jede Leistung sofort verlangen müssen, weil sie nicht wissen, was das nächste Jahr ihnen bringt. Diese Zeit ruft nach einer Lebensweise, die ein fundamentaler Anschlag auf den Kern der christlichen Volksparteien ist. Sie macht Veränderung zum Selbstzweck.

Nicht die Scheidung von Christian Wulff regt heute noch jemanden auf. Aber wenn die akademisch gebildete Hausfrau und Mutter verlassen wird, dann steht für einen Moment in grellem Licht, dass nicht mehr vorgelebt werden kann, was die Union ausmachte. Wer hegt und bewahrt, verliert.

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