Politik : Wer den Islam verrät

TERROR IN DER TÜRKEI

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Von Clemens Wergin

Vier Anschläge innerhalb von sechs Tagen – wird die Türkei zum neuen Schlachtfeld der AlQaida-Terroristen? Erst sprengen sich Selbstmordattentäter vor zwei Synagogen in die Luft. Nun explodieren, abermals in Istanbul, zwei Lieferwagen mit Sprengstoff. Diesmal sind die Briten das Ziel. Und natürlich die Türkei selbst und ihre moderne, lebendige Metropole. Al Qaida geht wieder in die Offensive.

Es drängt sich die Frage auf, ob da ein ganzes Land in einen Strudel der Gewalt gezogen wird. Und warum solche Anschläge gerade dann verübt werden, wenn mit der AKP eine islamische Partei an der Macht ist. Die Antwort lautet: Gerade weil die Türkei erstmals von Muslimen regiert wird, die ihre Religion auch politisch verstehen, gerät sie ins Fadenkreuz der Terroristen. Denn für die ist die Öffnung zum Westen, die Regierungschef Recep Tayyip Erdogan noch vehementer als seine kemalistischen Vorgänger verfolgt, schlicht Verrat. Verrat an der Sache des Islam.

Was Erdogan versucht, wollen die Extremisten mit aller Gewalt verhindern: die Versöhnung des Islam mit der im Westen entstandenen Idee von Menschenrechten, mit demokratischen Wahlen und einer pluralistischen Gesellschaft. Wer in den Anschlägen nur eine Fortsetzung der Attacken auf Briten und Amerikaner im Irak sieht, gleichsam auf neutralem Boden, der irrt. Folgen die Anschläge doch dem klassischen Muster des Al-Qaida-Kampfes gegen „Juden und Kreuzfahrer“ und gegen die, die mit ihnen zusammenarbeiten. Der Irak-Krieg ist da nur ein vordergründiger Anlass und mag allenfalls bei der Auswahl der konkreten Ziele eine Rolle gespielt haben. Doch letztlich bietet der Krieg den Terroristen bloß einen weiteren Vorwand, Muslime für ihre Anliegen empfänglich zu machen. Und die zielen weit über den Irak hinaus.

Nach dem Angriff auf Amerika am 11. September 2001 hatte sich Al Qaida unter dem Verfolgungsdruck zurückgezogen. Anschläge gelangen den Extremisten meist nur noch in der globalen Peripherie. Auf Bali und in Kenia etwa, wo der Staat schwach ist und sich gegen Terroristen kaum verteidigen kann. Doch schon seit einigen Monaten ist ein neuer Trend zu beobachten. Riad, Casablanca und nun die Anschlagserie in Istanbul: Der Al-Qaida-Terrorismus kehrt in den Nahen Osten zurück, wo seine geistigen Wurzeln liegen. Und wo er im Umfeld islamistischer Moscheen mit Unterstützern rechnen kann. Muss man jetzt also auch um die Verfassung der Türkei fürchten?

Anders als in Saudi-Arabien, wo es Al Qaida irgendwann gelingen könnte, den weit verbreiteten Unmut über das Königshaus für sich zu instrumentalisieren, besteht diese Gefahr in der Türkei nicht. Fast muss man froh sein, dass dort jetzt eine islamische Partei regiert. Denn die muss sich nun von eventuellen radikalen Restbeständen in den eigenen Reihen lossagen, und zwar unmissverständlich. Eine säkulare, dem Militär nahe stehende Regierung wäre in solch einer Situation vermutlich hart gegen den politisch organisierten Islam vorgegangen – und hätte die Anschläge als Vorwand genommen, die langsame Liberalisierung der Türkei rückgängig zu machen. Für einen wie Erdogan, dessen Bewegung selbst lange unter dem mächtigen Staats- und Militärapparat gelitten hat, gibt es diese Versuchung nicht.

Den Terroristen geht es um Einschüchterung. Wer sich zu sehr mit dem Westen einlässt, der wird bestraft. Hier will eine kleine, radikale Minderheit der Mehrheit ihren Willen aufzwingen. Letztlich liegt es in der Hand dieser schweigenden Mehrheit der Muslime, den aus ihrer Mitte erwachsenen Extremisten entgegenzutreten. Ob in der Türkei oder anderswo in der muslimischen Welt.

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