Politik : Wer die eigene Zukunft bestimmt - die Grünen wissen es noch nicht

Thomas Kröter

Sogar Joschka Fischer war guter Laune. "Seit alle Welt seine Europarede lobt, ist er wieder ein Schatz", wurde im grünen Koalitionsausschuss gefrozzelt. Da war allerdings nicht Europa das Thema, sondern Nordrhein-Westfalen. Und Zukunft. Die könnte, so sieht man es nicht nur im Hause Fischer, durchaus finsterer aussehen. "Keine Katastrophe", findet man den Verlust von fast drei Prozent, im Trend der letzten Wahlen. Mancher hatte Schlimmeres befürchtet.

Und nun ist man sich ja so einig. In Düsseldorf und in Berlin. Kein weiter so, fordert Bärbel Höhn, die grüne Umweltministerin vom Rhein. Eine Koalition könne eben keine Wähler mobilisieren, wenn die beiden Partner Profilierung nur auf Kosten des jeweils anderen suchten. An die eigene Partei war das gerichtet. Auch. Vor allem aber an den alten und nach heutigem Stand wohl auch neuen Partner. Besonders an Ministerpräsident Wolfgang Clement. Die Grünen haben aus Höhns Sicht zum neuen Frieden schon eine Vorleistung erbracht. In der neuen Fraktion gibt es praktisch keine grundsätzlichen Koalitionsgegner mehr, so wie noch im vorigen Landtag.

Zwei Minister sollen es wieder sein, sagt die Parteilinke. Eine davon sie. Nein, Ambitionen im Bund bestreitet sie heftig. Aber dann folgt auf der Pressekonferenz in der Berliner Bundeszentrale ein langer Exkurs über die Wichtigkeit der Raumplanung in ihrem Mammutressort. Von den Sozialdemokraten heisst es, man wolle dies Gebiet der Grünen nehmen. Bereitet da jemand die Begründung für eine mögliche Meinungsänderung in punkto Bundesspitze vor?

Mit derlei Kleinigkeiten gab Joschka Fischer sich im Koalitionsausschuss nicht ab. Er sprach über die Zukunft. Die Grünen müssen ihre Rolle als Regierungspartei nicht nur der Funktion nach annehmen, sondern auch die Verantwortung. Gestaltungspartei müssten sie sein. In seinem Umfeld raunte es, mit dem Atomausstieg sei die Agenda der Partei abgearbeitet. Neuanfang auch hier. Vielleicht mit Europa? Den Minister auch mit seinem Fachgebiet nutzen auf einem Feld, das nach dem Abtritt Helmut Kohls in Deutschland keine profilierten Köpfe aufweist? Wie nah oder fern der gerade von den Lesern des Teeny-Magazins "Bravo" zum beliebtesten Politiker gekürte Fischer seiner Partei rückt, hängt auch von ihrer Lernfähigkeit auf diesem Gebiet ab.

Jetzt gilt aber erst einmal: Nach der Wahl ist vor der Wahl. Im Juni wird die Parteispitze neu gewählt. Die drei Kandidaten Antje Radcke (Amtsinhaberin), Renate Künast und Fritz Kuhn (beide neu) haben gerade erste Schaulaufen absolviert. Am Wahlabend in Berlin und zuvor im Niedersächsischen Nordenham. Nach Augenzeugenberichten hat Radcke am schlechtesten abgeschnitten. Auffällig, dass ihr derzeit aus dem Realo-Lager dennoch Gutes nachgerühmt wird. Besonders ihre Integrationsfähigkeit. Vergiftetes Lob oder der sanfte Hinweis, dass man sie auf einem der Beisitzerposten im sechsköpfigen Vorstand akzeptieren würde?

Als weitere Kandidaten werden Undine Kurth aus Sachsen-Anhalt (Ostquote) und die 26-jährige farbige Bayerin Niombo Lomba (Jugend) genannt. Die frauenpolitische Sprecherin Angelika Albrecht will ebenso wieder antreten wie Schatzmeister Dietmar Strehl. Sechs Posten - sechs Kandidaten? Zu schön um wahr zu sein. Nicht mal für Geschäftsführer Rainhard Bütikofer ist ein Gegenkandidat in Sicht. Der Altlinke Frithjof Schmitt hat angeblich seine Ambitionen wieder eingesammelt. Die Parteilinke will demnächst die Köpfe zusammenstecken. Christian Ströbele, das (un)heimliche Zentrum des Flügels, nimmt noch Bewerbungen an.

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