Politik : Wer entführte die Witwe des Terroristen?

Tat in Grosny empört Menschenrechtler

Elke Windisch

Moskau - Internationale Menschenrechts- und Journalistenorganisationen fordern die sofortige Freilassung der Journalistin Elina Ersenojewa und die Bestrafung ihrer Entführer. Ein entsprechender offener Brief, unterzeichnet unter anderem von der Helsinki-Förderation, ging jetzt an Russlands Generalstaatsanwalt, Jurij Tschaika, den obersten staatlichen Ankläger Tschetscheniens, Walerij Kusnezow, sowie Putins Menschenrechtsbeauftragten, Wladimir Lukin.

Die 26-Jährige war am 17. August von maskierten Männern im Zentrum von Grosny entführt worden. Es wird vermutet, dass Sicherheitskräfte der prorussischen Regierung Tschetscheniens hinter der Entführung stehen. Zwei Tage vor dem Überfall hatte die junge Frau die Helsinki-Föderation und die russische Menschenrechtsgruppe Demos schriftlich um Hilfe gebeten: Sie und ihre Angehörigen würden seit Monaten von Sicherheitskräften beschattet und bedroht. Elinas Mutter war mehrfach vernommen und dabei sogar geschlagen worden.

Ersenojewa, die sich hauptberuflich in einer Hilfsorganisation für Aidskranke engagiert, war Mitarbeiterin der Zeitschrift „Tschetschenische Gesellschaft“ und setzte sich dort mit sozialen Problemen und dem Elend der Flüchtlinge auseinander. Noch mehr brachte ihre Entführer offenbar Ersenojewas Heirat in Rage, auch wenn diese nicht ganz freiwillig gewesen sein soll: Der „Untergrundkämpfer“, wie sie den Mann nennt, dem sie im November ihr Jawort gab, war Schamil Bassajew, militärischer Oberbefehlshaber der Separatisten, der hinter allen großen Terroranschlägen und Geiseldramen der letzten Jahre stand. Der Mann, der jahrelang auf Platz eins der Wanted-Liste russischer Terroristenjäger stand, wurde Anfang Juli nach offiziellen Angaben bei einer Sonderoperation getötet.

Als möglicher Drahtzieher der Entführung gilt der prorussische Tschetschenen-Premier Ramzan Kadyrow. Ersenojewas Familie gehört zum Clan von Doku Umarow, dem einzig verbliebenen allgemein anerkannten Feldkommandeur der Separatisten, der seit Juni Untergrundpräsident Tschetscheniens ist. Verhandlungen Kadyrows mit den Umarows über eine Kapitulation des Clanchefs schlugen bisher fehl. Ein Durchbruch wäre gleichbedeutend mit dem offiziellen Ende des Widerstands. Dadurch würden Kadyrows Chancen auf das Präsidentenamt in Grosny steigen.

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